Stammwappen

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Als Stammwappen (französisch armoiries pures, armoiries pleines; englisch pronominal arms) bezeichnet in einem weiten Sinn das Wappen einer Familie oder eines Geschlechts.[1] Für Gert Oswald ist das Stammwappen ein Wappen,

„das ein Geschlecht bereits bei seinem ersten Auftreten geführt hat. Zu dem Stammwappen kamen in späterer Zeit eigenmächtig angenommene oder verliehene Wappen hinzu (vgl. Wappenbesserung)“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[2]

Walter Leonhard definiert den Ausdruck dagegen folgendermaßen:

Stammwappen ist die Bezeichnung für das ursprünglich geführte Wappen eines Geschlechtes. Es bleibt unverändert stets dem Familienoberhaupt vorbehalten, der es nach seinem Tode dem erstgeborenen Sohn weitervererbt. Stammwappen können Veränderungen erfahren. Sie können durch zusätzliche, durch ein Diplom verliehene oder durch eigenmächtig angenommene Wappen vermehrt werden. Neben diesen vermehrten Wappen ist die Weiterführung des ehemaligen Stammwappens gestattet. Die Verwendung von Beizeichen oder Änderungen anderer Art, zur Unterscheidung jüngerer Nachkommen und Nebenlinien eines Geschlechtes mit gleichem Stammwappen führt zur Wappenminderung. Diese Wappendifferenzierung ist seit dem Mittelalter üblich.“

Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst (1978/2000)[3]

Darstellung

Das Stammwappen wird manchmal mit dem Geschlechterwappen gleichgesetzt, obwohl es von diesem abzugrenzen ist. Letzteres wird stets von einem ganzen Geschlecht geführt, ersteres dagegen nicht unbedingt.

Das Stammwappen ist gewöhnlich als Vollwappen angelegt, wobei in der Literatur zwischen dem sogenannten „großen“, „mittleren“ und „kleinen“ Vollwappen differenziert wird. In der Frühzeit des Wappenwesens erscheint das Stammwappen in der Regel ungeteilt, als einfaches Heroldsbild oder als Wappen mit nur einer gemeinen Figur (beziehungsweise mit wenigen). Nicht bei jedem Anlass ist ein großes Vollwappen gebräuchlich; für besondere Zwecke entfallen die Prachtstücke und das Oberwappen; „kleine Stammwappen“ schmücken beispielsweise oft Möbel, Geschirr und andere Gegenstände des täglichen Lebens.

Beispiele

Familie Wallenstein (Stammwappen und Wappenbesserung)

Die Familie von Waldstein/Wallenstein führte zahlreiche Wappen. Nachstehend werden nur drei angeführt, um Wappen-Änderungen nach dem ersten Auftreten eines Stammwappen zu verdeutlichen.

Stammwappen Das ursprüngliche Stammwappen war in Gold ein blauer doppeltgeschweifter Löwe
Waldstein Stammwappen.jpg
Eigenmächtige Änderung Gegen Ende des 15. Jahrhunderts findet sich das Wappen quadrirt von Gold und Blau und jedes Feld belegt mit rechts gekehrtem Löwen verwechselter Farbe.
Waldstein Wappen.jpg
Verleihung Bei Erteilung der PfalzgrafenwürdeW-Logo.png (1622) in Roth ein silberner, rechts gekehrter gekrönter Adler.
Waldstein Palatinatswappen.jpg

Polnische Heraldik

In Polen gab es bis um 1770 nur Stammwappen, d.h. dasselbe Wappen, das einen besonderen Namen hatte, wurde von mehreren Adelsgeschlechtern geführt, die dadurch zu einem bestimmten Wappenstamm gehörten.

Kritik

Der Ausdruck „Stammwappen“, wie er bei Oswald und Leonhard bestimmt wird, bezieht sich auf das „erste Auftreten“ oder das „ursprüngliche“ Wappen eines Geschlechts, einer Familie oder eines „Stamms“, wobei der Begriff nicht konsistent vom Ausdruck Urwappen abgrenzt wird.

Annahmen über „erste Wappen“ sind zumindest bei Jahrhunderte alten Wappentraditionen wissenschaftlich fragwürdig. Die Quellenlage für Wappen zwischen dem 14. und dem 15. Jahrhundert ist dürftig -- und vom 11. bis 13. Jahrhundert noch karger. Originalartefakte (Kampf-/Stechschilde mit Wappenzeichnung), Prägewerkzeuge (Siegelstempel) oder ähnliches liegen als Primärquellen gewöhnlich nicht vor; datierbare Siegelabdrucke oder Abbildungen in Wappenrollen/-büchern, Wappenverleihungen (Wappenbriefe) etc. geben naturgemäß keine gesichert Erkenntnis darüber, wann ein „Stamm“ zeitlich zum ersten Mal ein Wappen führte und welches sozusagen sein „Urwappen“ war. Oft bestimmt die Literatur die Wappenabbildung einer ältesten bekannten und überlieferten Quelle mehr oder weniger willkürlich als „ursprünglich“ für einen „Stamm“. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass ein „Stamm“ ein ganz anderes Wappen vor diesem überlieferten (vorgelblich ersten) führte, welches womöglich nicht bekannt oder verlorengegangen ist. Was mit dem Ausdruck „Stammwappen“ bezeichnet wird, sagt primär etwas über den Stand und die Annahmen einer zeitgenössische Wappenforschung aus; welches Wappen ein „Stamm“ „ursprünglich“ führte, ist auf Grund mangelnder Quellenlage vielfach ungeklärt oder nur spekulativ beziehungsweise mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit zu beantworten. Das „erste Auftreten“ eines Wappens anhand einer oder weniger datierbarer Quellen festzulegen, die mehr oder weniger „zufällig“ in die Gegenwart überkommen sind, genügt ernsthaften Forschungsansatzen und wissenschaftlichen Maßstäben nicht.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Stammwappen. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  2. Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 378.
  3. Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Callway, München 1978, ISBN 3-8289-0768-7, S. 45 (Genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH: Bechtermünz, Augsburg 2000).