Gaunerwappen

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Gaunerwappen.jpg

Gaunerwappen sind allgemein wappenähnliche Zeichen oder Symbole oder Parawappen, die seit dem Mittelalter nach dem Beispiel der anderen Stände bei Familien oder Einzelpersonen außerhalb der Ständeordnung, besonders bei Bettlern, fahrendem Volk (Vaganten), Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe und in kriminellen Subkulturen in Gebrauch kamen.

Gaunerwappen sind bislang nicht wissenschaftlich exakt von Gauner-/Erkennungszinken abgegrenzt. Letztere sind in Zusammenhang mit RotwelschW-Logo.png seit dem 12.–13. Jahrhundert in Deutschland beim „standlosen Stand“ feststellbar, zu dem beispielsweise Verbrecher, Gauner, Bettler, Hausierer, Fahrende, Landstreicher, Kesselflicker, Nichtsesshafte, Schausteller, Deserteure, Ausgemusterte und andere gehören.

Der Ausdruck Gaunerwappen wird heute auch für Wappen verwendet, die ohne Führungsberechtigung und in betrügerischer Absicht von Personen entworfen, gefälscht oder geführt werden.

Darstellung

Gaunerwappen/Gaunerzinken hatten oft Ähnlichkeit mit Wappen, hielten sich aber in den meisten Fällen nur oberflächlich oder gar nicht an heraldische Regeln. Manchmal in Schildform, manchmal ohne waren sie wie Wappen aus Grundformen zusammengesetzt, beispielsweise aus Tierdarstellungen (Pferd, Hund, Fuchs, Ziege, Schwein, Schaf, Hahn, Ente, Eule usw.) und geometrischen Figuren (Kreis, Oval, Viereck, Dreieck, Kreuz).[1] Angereichert wurden sie mit Staffage oder Schmuckelementen wie Schlangenlinien und dergleichen. Je nach Untergrund und Möglichkeit wurden Gaunerwappen vermutlich eingeritzt oder aufgemalt oder direkt in ein Trägermaterial eingearbeitet.

Bedeutung und Gebrauch

Gaunerwappen/Gaunerzinken hatten für ihre Träger und deren direktes Umfeld eine enorme, identitätsstiftende Bedeutung. Sie wurden teilweise magisch überhöht. Nachahmungen oder Führung durch nicht „Führungsberechtigte“ galten als schwere Kränkung und wurden mitunter durch blutige Rache vergolten.

„Jeder Gauner hat sein bestimmtes Zeichen, gleich einem Wappen, welches von seinen Genossen so respectirt wird, daß keiner es nachzuahmen wagt, der er sich sonst der blutigen Rache für die schwere Ehrenkränkung ausetzen würde.“

Friedrich Christian Benedict Avé-Lallemant (1858)[1]

Von Gaunerwappen wurden teilweise Siegelringe angefertigt. Eingeritzte Darstellungen von Gaunerwappen/-zinken in Gefängniszellen legen die Vermutung nahe, daß durch sie "Reviere" markiert wurden. Gaunerwappen/-zinken, die an Häusern angebracht wurden, werden auch als „Mordbrennerzeichen“ oder als Aufforderung interpretiert, diese Häuser niederzubrennen oder auszurauben (gesichtert ist dieser Zusammenhang nicht, allzumal sich Mordbrennerzeichen erst im 16. Jahrhundert aus den Zinken ableiten).

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Vgl. Avé-Lallemant, Friedrich Christian Benedict: Das deutsche Gaunerthum in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande. Band 1. 1858.