Mistel (Heraldik)

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1932: aus Ast treibende Mistel
 
Dreigabliger grüner Mistelzweig mit grünen Beeren
(Wappen MistelbachW-Logo.png, Niederösterreich)
Illustration Weißbeerige MistelW-Logo.png
Blätter, Blüten und Beere der Tannen-Mistel

Die Mistel (mhd. mistel; ahd. mistil; lat. viscum; frz.: gui de chêne; engl.: mistletoe; volkstümlich oder allgemein auch Donnerbesen, Dru[i]denfuß, HexenbesenW-Logo.png, Hexenkraut, Wintergrün, Bocksbutter, Marentaken, Mardistel, Alp-/Albranke, Affolter, Gespensterrute, Vogelkraut, Kreuzholz, Kenster, Nistl, Heiler, Heiligheu, Heiligkreuzholz, Leimmistel, Vogelmistel, Wintergrünholz[1][2] oder ähnlich genannt) ist in der neueren Heraldik eine seltene gemeine Figur; in der Früh- und Blütezeit des Wappenwesens ist die Darstellung eines Mistelgewächses kein gebräuchliches heraldisches Motiv.

Darstellung

Die in Wappen dargestellten, heraldisch stilisierten Mistelfiguren sind üblicherweise nicht einer bestimmten natürlichen MistelW-Logo.png (viscum) der je nach Familienabgrenzung 400 bis über 1400 Arten nachgebildet und sollten sich, wenn überhaupt, an einer europäischen Art wie der Weißbeerigen MistelW-Logo.png anlehnen. Grundsätzlich stellt die Heraldik ein IdealbildW-Logo.png eines Mistelgewächses dar, wobei es auf tradierte Grundstilisierungen (strauchartige, kugelige Büsche; gabelig verzweigte Misteläste/-zweige, ungestielte Laubblätter paarig oder in Wirteln) zurückgreift, die in ähnlicher Weise bei anderen heraldischen Pflanzenfiguren zum Tragen kommen, deren Gestalt „weder Baum noch Strauch“[3] entspricht. Wenn nichts anderes gemeldet wird, erscheint die Mistel als Mistelzweig; treibt die Mistelfigur aus einem Ast/Baum oder ähnlichem aus, ist dies anzuzeigen (optional mit dem Eigennamen des Baumes, auf dem die Mistelpflanzenfigur „wächst“).

Die Läubblätter der Figur sollten elliptisch bis verkehrt-lanzettlich oder verkehrt-eiförmig mit stumpfem oberen Ende aufgerissen werden, die Beerenfrüchte sind als Kugeln zu gestalten. Die genaue Ausprägung und Form einer Mistel-Wappenfigur (Vergabelungsart, Anzahl der Blätter, Name einer speziellen Mistelart, Zierung mit Blüten et cetera) sind in der Wappenbeschreibung gegebenenfalls zu ergänzen, wenn sie von heraldischer Bedeutung für ein Wappen oder für die Wappenführenden sind. Alle heraldischen Farben sind bei der Darstellung einer Mistelfigur im Wappen gebräuchlich, Grün, Gold oder Silber sind beim Mistelzweig bevorzugt, Silber bei der Mistelbeere.

Wappenbilderordnung

Symbolik

Innerhalb der Heraldik

Innerhalb der Heraldik ist die Figur Mistel für redende Wappen geeignet. Beispielsweise führen/führten die Orte Mistelgau, Mistelbach und Jemioła/ImielnoW-Logo.png (deutsch „Mistel“) Mistelmotive als sprechende Hinweise in ihren Wappen.

Außerhalb der Heraldik

Außerhalb der Heraldik ist die Symbolik der Mistel umfangreich und mit teilweise widersprüchlichen Bedeutungen (Symbolgehalten) verbunden (nachstehend eine kleine Auswahl, weitere Angaben sind der entsprechenden Literatur zu entnehmen).

Allgemein

Die Mistel als immergrüne Pflanze symbolisiert in einem weiten Sinn den „Prozess der Heilung“, das „Ganz-Werden“, das Davonkommen, selbst aus den Fängen von Krankheit und Tod (Mistel, die „Allheilerin“[3]), das Abwehrmittel „des Zwischenreichs (weder Baum noch Strauch)“[3] gegen Blitz und Zauberei. Die Mistel entsteht nach der Sage dort, wo der Blitz in einem Baum (vorzugsweise in eine Eiche) einschlägt[3] und gilt als Symbol des unsterblichen Lebens.

15. Jhd.: Vogelfang mit LeimruteW-Logo.png, die mit einer klebrigen Mistelbeerenmasse bestrichen ist.

Griechen- und Römertum

17. Jhr.: Aeneas und Sibylle mit Mistelzweig vor Charon

Auf Äsop geht eine Fabel zurück, dass die Schwalbe erkennt, dass die Menschen die Mistel als Klebstoff für den Vogelfang verwenden können. Im Gegensatz zu den anderen Vögeln bat sie die Menschen, dies nicht zu tun und ist daher der einzige Vogel, den die Menschen ob ihrer Klugheit als Hausgenossin dulden.[5]

Im sechsten Buch der Aeneis schildert Vergil, wie AeneasW-Logo.png, der Stammvater der Römer, mit der cumaeischen Prophetin SibylleW-Logo.png dank eines goldenen Zweiges, den einige Philologen als Mistelzweig deuten, unbeschadet in die Welt der Toten (Hades) gehen und wieder zurück in die Welt der Lebenden kehren können.[6] Der Zweig selber soll nach anderen Quellen von einer geweihten Eiche stammen, die im Heiligtum der Diana NemorensisW-Logo.png stand. Die Eiche wurde angeblich von einem Priesterkönig, dem rex nemorensis, bewacht. „Dieser war ein entlaufener Sklave, der Tag und Nacht den Baum bewachte. Er hatte sein Amt so lange inne, bis es einem anderen Entlaufenen gelang, ihn zu töten, einen Ast von der Eiche zu brechen und so seinerseits dieses gefährliche Amt zu übernehmen.“[7] Die „Schicksalsfunktion“ des Mistelzweigs wird in manchen Quellen auch im Zusammenhang mit Hermes/Merkur gebracht, der vorgeblich mit einer Mistel in der Hand die Toten auf ihren Weg in die Unterwelt begleitet und deren Pforten damit öffnet und schließt.

Kelten- und Germanentum

Balder wird unter Lokis Anleitung von Hödur mit einem Mistelzweig getötet. Aus einer isländischen Handschrift des 18. Jahrhunderts
Bild von Esus auf dem gallo-römischen Pfeiler der Nautae ParisiaciW-Logo.png

In der antiken Überlieferung gilt manchen germanisch/keltischen Kulturen die Mistel als heilig. Nach Plinius schnitten Druiden die Pflanze mit goldenen Sicheln von den Bäumen und fingen sie in einem weißen Tuch auf. Anschließend brachten sie die Zweige in Verbindung mit einem Stieropfer den Göttern dar.[3]

„(Die Mistel) wurde von den gallischen Priestern, den Druiden, als Heilmittel und zu kultischen Handlungen benutzt. Keltischen Priestern galten besonders die seltenen Exemplare, die auf Eichen wuchsen als heilig.[8] Sie galt nicht nur als Wunderpflanze gegen Krankheiten, sondern wurde auch als Heiligtum verehrt, als Zeichen des immerwährenden Lebens[9] und war für Kelten und Germanen ein Fruchtbarkeitssymbol. Die Germanen glaubten, dass die Götter die Mistelsamen in die Bäume streuten, sie also ein Geschenk des Himmels wären.“

Deutschsprachige Wikipedia (2017)[10]

Auch in der germanische Mythologie wird dem Mistelholz die Fähigkeit zu zugesprochen, dass Einzige zu sein, was das sonst Unverwundbare verwunden kann:

„In der germanischen Mythologie wurde die Mistel durch das Komplott des übelwollenden Loki in der Hand des blinden Gottes Hödr zu einem todbringenden Speer (aus Mistelholz), der dem Licht- und Vegetationsgott BaldrW-Logo.png das Ende brachte; erst nach Ragnarök (Weltuntergang) dürfen Baldr und sein Töter im neuen Paradiesreich Gimle ein neues Leben beginnen. Die Mistel ist in diesem Mythus Symbol des an sich unschuldigen, aber durch feindlichen Zauber zum Verhängnis werdenden Werkzeuges, ebenso wie ihr Schleuderer, der blinde Bruder des Baldr (Blindheit).“

Lexikon der Symbole (1989/1994/1998)[3]

Die Mistel gilt in manchen Sekundärquellen als Attribut des keltischen Gottes EsusW-Logo.png; allgemein ist die Quellenlage zu Esus jedoch spärlich oder schwer deutbar. Beispielsweise zeigt ein Relief, das unter Notre Dame gefunden wurde, einen Baum mit Ästen und Blättern, keineswegs ist dazu jedoch ein Mistel-Mythos, der im Zusammenhang mit Esus steht, überliefert, geschweige denn, die Pflanzendarstellung zweifelsfrei als Mistelgewächs interpretierbar.

Christentum

Gustav NeckelW-Logo.png und Clemens ZerlingW-Logo.png gehen auf die Symbolik der Mistel im Christentum ein:

„Nun verlautet in jüngerer christlicher Überlieferung, das Kreuz Christi sei aus Mistelholz gemacht gewesen.“

Gustav Neckel (1920)[11]

„(..) Trotzdem bestehen die Perlen mancher Rosenkränze aus ihrem (der Mistel -- Anm. der Redaktion) Holz. Eine Legende behauptet, aus der weichen Mistel sei einst das Kreuz Christi geschnitten worden (das wäre allerdings eine handwerkliche Herausforderung!)-“

Clemens Zerling (2007)[2]

Populärkultur

Kuss unterm Mistelzweig

Mistelzweige sind Bestandteil des Weihnachts-W-Logo.png und NeujahrsbrauchtumsW-Logo.png beziehungsweise Symbol der Weihnachts-/Neujahrszeit:

„In England gibt es ein Ritual, dass ein Mistelzweig in der Weihnachtszeit über die Tür gehängt wird und die junge Dame, die sich unter diesem Mistelzweig befindet, auf der Stelle geküsst werden darf. In Frankreich wird ein Mistelzweig am Neujahr auch über die Tür gehängt und jedermann küsst die Verwandten und die Freunde darunter. Ein Spruch wird auch gesagt: Au gui, l'an neuf, das heißt „Mit dem Mistel kommt das Neujahr“.“

Deutschsprachige Wikipedia (2017)[10]

Weblinks

 Commons: Misteln in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Schröder: Die Meisterkräutertherapie: Die 24 kostbaren Kräuter aus Europa und ihr Nutzen in der Volksheilkunde. Verlag der Heilung, Ruhpolding 2012, ISBN 978-3-9815669-0-1,
  2. 2,0 2,1 Zerling, Clemens: Lexikon der Pflanzensymbolik. 2007. S. 183 f.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Lexikon der Symbole: Mistel. Vgl. LdS, S. 289. 1989/1994/1998. S. 716.
  4. Eintrag zum Wappen von Mistelgau in der Datenbank des Hauses der Bayerischen GeschichteW-Logo.png
  5. Äsop: Die Fabeln des Äsop. In: Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos (vgl. Ant. Fabeln, S. 30). Berlin 2000. S. 2263
  6. Vergil: Lied vom Helden Aeneas. In: Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos (vgl. Vergil-W, S. 274). Berlin 2000. S. 17750
  7. Seite „Heiligtum der Diana Nemorensis“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 4. Oktober 2014, 14:44 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Heiligtum_der_Diana_Nemorensis&oldid=134595265 (Abgerufen: 21. März 2017, 21:26 UTC)
  8. Bernhard Maier: Druiden: Mistelzweig und Menschenopfer, 28. November 2010, abgerufen am 7. Mai 2015.
  9. W. Oßwald: Gehölzkrankheiten in Wort und Bild: Viscum album L. - Mistel.
  10. 10,0 10,1 Seite „Weißbeerige Mistel“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Februar 2017, 10:55 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wei%C3%9Fbeerige_Mistel&oldid=162561216 (Abgerufen: 21. März 2017, 10:54 UTC)
  11. Neckel, Gustav: Die Überlieferung vom Gotte Balder. 1920. S. 183.