Szlachta

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Ein polnischer Schlachzitz aus dem 17. Jahrhundert im Sarmatenkleid

Das polnische Wort Szlachta (poln. Sz = dt. Sch) heißt übersetzt Adel (Wortherkunft wie im Deutschen) und bezeichnet den Adelsstand im Königreich Polen, später (bedingt durch die Union von Lublin), den Adel in der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Adlige heißen auf Polnisch szlachcic (sz = sch, ci = tchi, c = z), woraus im Deutschen das Wort Schlachzitz (oder auch Schlachtschitz) wurde.

Der polnische Adel war ursprünglich eine reine Kriegerkaste und schuf im Kampf mit der Königsmacht im Jahre 1505 (bzw. 1569) etwas in ganz Europa Einzigartiges: Eine Adelsrepublik (Wahlmonarchie) mit einem demokratisch gewählten König an der Spitze, der eigentlich nichts anderes war als ein auf Lebenszeit gewählter und gekrönter Präsident bzw. Staatsvertreter.

Man nimmt an, dass der Adel sich unter der Dynastie der Piasten aus dem waffenfähigen Bauerntum in den ständigen Kämpfen gegen das Königreich Böhmen, die deutschen Kaiser, Litauen, Pommern, die Prußen und den Deutschen Orden entwickelte.

Organisation des Adels

Polnische Adelige in ihrer Tracht (17. Jahrhundert)

Die Organisation des Adels war rein demokratisch. Nominell waren alle Edelleute in der „Königlichen Republik“ ebenbürtig und damit untereinander gleichgestellt. Alle waren gleichberechtigte Staatsbürger, die das Recht hatten, immer Waffen zu tragen und alleiniges Stimm- und Wahlrecht besaßen. Ihre Besitzungen waren unbeschränktes Eigentum ihrer selbst. Die Adelsschicht war einheitlich und rechtlich klar definiert, diese beruhte auf der Abstammung aus einem adeligen Geschlecht.

Prinzipiell gab es eine Gleichheit des Adels was wirtschaftliche, rechtliche und politische Privilegien betraf. Dennoch gab es zwei Schichten: den Kleinadel und die Magnaten (Hochadel). Es gab keine Titel, aber sie sprachen sich unterschiedlich an. Wenn ein Vertreter aus dem Kleinadel einen höher gestellten Adeligen traf, begrüßte er ihn mit „Hochwürdiger Herr“, dieser entgegnete „Herr“. Wenn sich zwei aus der gleichen Schicht trafen begrüßten sie sich mit „Bruder“. Der komplette Adel umfasste rund 10 % der polnischen Bevölkerung,[1] was eine schwere Bürde für die restliche Bevölkerung bedeutete. Kein anderer europäischer Staat hatte einen derart hohen Adelsanteil; dort betrug er zumeist lediglich etwa 1 bis 3%.

Wappen

Um 1200 begann der Adel Wappen zu führen. Im Unterschied zum übrigen Europa gab es jedoch keine Familienwappen, sondern etwa 160 bis 170 Wappengemeinschaften (pln. Rody Herbowe), so dass dieselben Wappen von mehreren Familien geführt wurden. Die Wappengemeinschaften blieben großteils bis 1815 bestehen.

Adelstitel

Um dem Adel anzugehören, musste man seit 1347 die adlige Geburt, seit 1412 auch die Berechtigung zur Führung eines Wappens nachweisen können.

Vom Mittelalter bis 1569 gab es in Polen keine erblichen Adelstitel. Die Titel der obersten Beamten, Comes (Graf), und der Mitglieder des Königlichen Rates, Baro (Baron), waren nicht erblich. Versuche, die Titel (Amt und Bezeichnung) in Familien erblich zu machen wurden durch König Władysław I. Ellenlang (1260-1333) und den Sejm vereitelt.

1496 verbot man dem Adel alle Beschäftigungen außer dem Ackerbau und dem Waffendienst. Ein Teil der Staatsgüter wurde parzelliert und, um die gesellschaftliche Position des Adels zu sichern, ärmeren und besitzlosen Adligen zugewiesen. Auf diese Weise entstanden, vor allem in Mittel- und Ostpolen, die Adelsdörfer. Nicht selten lebten in einem Dorf 20 bis 30 adelige Familien. Noch heute gibt es diese Dörfern mit ihren Traditionen, etwa in der Gegend von Siedlce oder Suwałki, aber auch in der Region Masowien. Andere Adelsdörfer waren im Besitz von Tatarenfamilien, deren Vorfahren in den vielen Kriegen in Osteuropa auf Polens Seite gegen Russland oder die Goldene Horde kämpften und dafür geadelt wurden. Die Tataren behielten ihre muslimische Traditionen, noch heute sieht man Dörfer mit kleinen Moscheen im Gebiet von Suwałki.

Vielen Angehörigen des Adels gehörte um 1700 nur noch ein kleines Stückchen Land, da die Höfe durch Erbteilungen immer kleiner wurden. Man witzelte, die Grundstücke seien so klein, dass der Schwanz des Hundes sich schon auf dem Land des Nachbarn befände. Viele Landadelige besaßen nicht einmal das, sondern lebten mit ihrem Pferd, Harnisch und Säbel auf dem Hof eines Magnaten.

Infolge dieser Entwicklung entstanden innerhalb des „einzigen Adelsstandes“ bedeutende Unterschiede. Es gab eine Schicht von sehr reichen Magnaten, die nach der Union mit Litauen erheblich verstärkt wurde, eine vermögende Mittelschicht und die große Masse des Kleinadels, der nobiles pauperes, aus der der Hofadel der Magnaten stammte.

Politische Bedeutung des Adelsstandes

Trotzdem hatte selbst der Kleinadel eine große politische Bedeutung. Er wurde bei den Königswahlen von den Kandidaten mit Geld und Alkohol umworben. Jeder einzelne Adlige, auch die Verarmten, konnte durch sein Veto jeden beliebigen Antrag im Sejm zu Fall bringen. Der polnische Staat wurde im Zuge dieser Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert seiner Handlungsfähigkeit beraubt. Zudem stellte der Adel das Adelsaufgebot, dessen militärischer Wert allerdings mit der Einführung stehender Heere auf ein innenpolitisches Druckmittel reduziert wurde. Wenn dem Adel etwas missfiel bildete er eine – zeitlich begrenzte – Konföderation, was oft zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen führte.

In vielen Fällen war der (Klein-)Adel uneinig und schwankte zwischen den Positionen der Magnatenfamilien und deren Parteibildungen. In einigen Fällen war er allerdings dazu imstande, den König oder eine Magnatenpartei in die Schranken zu verweisen. Beispiele hierfür sind der Aufstand der Konföderation von Tarnogród von 1715 bis 1716 gegen den wettinischen König August II., während der Sachsenzeit, der erst durch energische russische „Vermittlungen“ im sogenannten Stummen Sejm von 1717 beendet wurde und die Entmachtung der Magnatenfamilie Sapieha im Großfürstentum Litauen im Jahre 1700.

Bis zum 16. Jahrhundert keine Familiennamen

Widmung der Architectura Practica des Johann Christoph von Naumann (1736) an Alexander Joseph Sulkowski, „Reichsgraf, Jägermeister von Litauen und Starost von Sockolnick“ - Graf im Reich, Amtsinhaber in Polen

Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts kannte der polnische Adel keine Familiennamen, abgesehen von einigen wenigen sehr alten, die noch aus heidnischer Zeit stammten. Man fügte, in Anlehnung an die westliche Tradition der stammsitzbezogenen Namen, den Namen des Besitzes mit der Präposition z hinzu (auf Deutsch von). Erst nach 1500 verbreitete sich die Sitte, die Besitzbezeichnung in Eigenschaftswörter mit der Endung -ski oder -icz zu verwandeln. Diese neue Form brachte aber für lange Zeit keine dauerhaften Namen, denn man änderte sie, sobald ein größerer oder wichtigerer Besitz erworben wurde. Beispielsweise nannte sich im 16. Jahrhundert Marcin z Siecina (Martin von Siecin) zuerst Marcin Siecinski (Martin [der] Sieciner). Nach der Einheirat in das Gut Krasiczyn änderte er seinen Namen in Marcin Krasicki.

Der Bestand des alten, rein polnischen, Adels vergrößerte sich 1342 durch den Erwerb Galiziens, 1434 durch den Anschluss Wolhyniens und Podoliens, 1454 durch die Aufnahme des überwiegend deutschen Adels aus Ost- und Westpreußen (der zwar das Prädikat „von“ und seine Amtstitel verlor, aber seine Wappen behalten durfte) und 1569 durch die Union mit Litauen. Bis zur Union mit Litauen waren alle im westeuropäischen Raum bekannten abstufenden Titel verboten.

Der litauische, unermesslich reiche Hochadel, meist ukrainischer und weißrussischer Nationalität und dynastischer Herkunft, erkämpfte sich jedoch in der Lubliner Union 1569 das Recht, seine ihn als Fürsten kennzeichnenden Titel „Knjas“ weiter zu führen, allerdings ohne dass daraus Vorrechte erwuchsen. Die Nachkommen von Rurik (Czetwertyński, Drucki-Lubecki, Massalski, Oginski, Puzyna) und von Gediminas (Czartoryski, Sanguszko und Woroniecki), außerdem ein paar alte litauische Adelsgeschlechter nichtdynastischer Herkunft (Radziwill und Sapieha) gehörten dieser Gruppe an.

Statt der ersehnten Grafentitel musste sich der mittlere Adel mit den Titeln der Landesämter wie Starost, Woiwode, Stolnik (d.h. Mundschenk), Jagdmeister usw. begnügen. Der letzte König Stanislaus II. August war vor seiner Krönung z.B. „Mundschenk von Litauen“).

1578 verlor der König das Recht, Inländer zu nobilitieren. Die Erteilung des Indigenats war ab nun ein Vorrecht des Sejm. Ausländer wurden weiterhin vom König nobilitiert, sogar gegraft und gefürstet, die Titel waren aber in Polen nicht gültig.

Jüdischer Adel in Polen

Eine besondere Situation entstand in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts. Eine große Gruppe von jüdischen Familien aus Podolien, Anhänger von Jakob Frank, trat 1759 zum katholischen Glauben über, erhielt durch bedeutende Unterstützung des Königs August III. den Adel und wurde in Wappenstämme aufgenommen. Die sogenannten Frankisten sind noch heute an ihren Namen Kwiecinski (Taufe im April, poln. kwiecień), Majewski (Taufe im Mai), Krzyzanowski, Krysinski (von „Kreuz“ abgeleitet) oder Wolowski (Übersetzung aus dem Hebräischen) erkennbar.

Adel nach den Polnischen Teilungen

Mit den Teilungen Polens ergab sich eine große Veränderung der Situation des Adels. Die Teilungsmächte forderten die Adelsnachweise neu ein. Viele verarmte Landadelige konnten ihre Herkunft nicht nachweisen und verloren so die Adelswürde. Dennoch lässt sich noch heute anhand der Familiennamen erkennen, welche Polen Nachfahren ehemaliger Adeliger sind. So wurde der Kleinadel zwar entmachtet, behielt aber seine Traditionen und bildete das Rückgrat der Aufstände von 1830 und 1863.

Die ehemaligen Adligen halfen sich gegenseitig und arbeiteten auch mit denen, die ihre Titel behalten hatten, zusammen. So kam es, dass die Teilungsmächte dem Druck des verbündeten Adels nachgeben mussten und den meisten Kleinadeligen den Adelsstand wieder zuerkannten. Die Adligen, deren Adelsstand nicht aberkannt worden war, wurden meistens auch in den deutschen, russischen und/oder österreichischen Adel aufgenommen und erhielten einen Titel (Graf, Fürst usw.) sowie ein „zu“ oder „von“ zuerkannt. So wurde z.B. 1854 aus dem Pan Taczanowski („Herr von Taczanów“) „Graf von Taczanowski“, was jedoch einen völlig falschen Umgang mit den polnischen besitzbezogenen Familienbezeichnungen darstellt. Wie erwähnt, bedeuten die adjektivischen Namensendungen -ski, -cki, -icz schließlich schon ein „von“. So entstand also wörtlich ein „Graf von von Taczanów“. Den Adeligen, welchen die Adeligkeit ursprünglich aberkannt worden war, blieb auch später eine Aufnahme in den Adel der Okkupanten verwehrt.

Der Hochadel behielt dagegen alle Privilegien und bekam seine Fürstentitel bestätigt, der Mitteladel bekam die ersehnten Grafentitel und die Erlaubnis, Fideikommisse zu gründen. In Galizien und Lodomerien wurde ein besonderer Adelsmatrikel angelegt und viele neue Nobilitierungen mit dem Titel „Ritter von …“ (siehe Briefadel) durchgeführt.

In Preußen garantierte 1772 Friedrich der Große dem polnischen Adel seinen Stand und Besitz. Seine Nachfolger führten viele Standeserhöhungen durch (vor allem der Grafenstand wurde verliehen, zuerst für alle Nachkommen, nach 1871 nur für den jeweiligen Besitzer eines Fideikommisses, während die übrigen Nachkommen einfache „Herren von …“ blieben). In Russland bestand ein besonderer Matrikel nur für Kongresspolen, der Rest des polnischen Adels wurde dem russischen Adel einverleibt.

Die Niederlagen der großen Aufstände gegen Russland von 1830 und 1863 brachten eine wesentliche Verschlechterung der Situation auch des Mitteladels. Die Güter wurden konfisziert, die Inhaber oft für Jahrzehnte nach Sibirien deportiert. Nach der Rückkehr mussten sie bürgerliche oder sogar handwerkliche Berufe ergreifen (siehe: Adam Asnyk). Allmählich wurde diese enteignete Klasse des Mittel- und Kleinadels zum Rückgrat der sogenannten Intelligenz, in welcher patriotische Traditionen fortlebten.

Adel im Polen von 1918

Im neuerstandenen Polen von 1918 wurde der Adel durch die Verfassung von 1921 abgeschafft und der Gebrauch von Titeln verboten. Die adligen Gutsherren behielten allerdings eine nicht zu unterschätzende Machtposition durch ihren Besitz von etwa 40% des Ackerlandes. Die neue Verfassung vom Jahre 1935 hob die Abschaffung von 1921 wieder auf, ohne den Adel jedoch ausdrücklich neu zu gründen. Von 1936 an tolerierte man stillschweigend das Wiederaufleben des Titelgebrauchs (auch in amtlichen Dokumenten) nach deutschem Muster. Aus „Graf Bogdan von Hutten-Czapski“ wurde „Bogdan Graf von Hutten-Czapski“.

1945 wurde der Adel durch Wiedereinführung der Verfassung von 1921 endgültig abgeschafft und die Güter parzelliert. Bis etwa 1947 beließ man dem Adel seine Herrenhäuser (die sie allerdings mit vielen anderen Mietern, die vom Wohnungsamt angewiesen wurden, teilen mussten) und Restgüter (in Großpolen bis 100 ha, im übrigen Lande 50 ha). Nach der Rückkehr zum Kapitalismus 1990 wurden keine Enteignungen rückgängig gemacht.


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Die Nachkommen des polnischen Adels heute

Nach 1990 entstanden wieder Adelsverbände und Bruderschaften der Wappenfamilien, welche vereinzelt ihre einstigen Titel wieder zu verwenden suchen - allerdings nicht in amtlichen Papieren. Viele der einstigen Adligen fügen ihrem Familiennamen die Bezeichnung des Wappens (eine polnische Besonderheit) bei, z.B. „Rogala-Krasicki“, um sich von nichtadeligen Krasickis zu unterscheiden.

Die Gesamtzahl der noch heute (2004) existierenden einstigen polnischen Adelsfamilien beträgt (Kleinadel nur teilweise mitgerechnet) etwa 23.000–25.000 Geschlechter. Ihre Herkunft spiegelt die Vergangenheit des einst riesigen Landes wider. Es sind vor allem ethnische Polen, aber auch Armenier, Deutsche, Engländer, Franzosen, Holländer, Italiener, Juden, Kosaken, Litauer, Slowaken, Schotten, Tataren (bis heute Muslime), Ukrainer und Tschechen.

Heute leben noch 16 der einstigen polnische Fürstengeschlechter. Darunter die Nachkommen der Rurik (Czetwertynski, Drucki-Lubecki, Massalski, Oginski, Puzyna), der Gediminas (Czartoryski, Sanguszko, Woroniecki), altlitauischer dynastischer Geschlechter (Gedroic, Radziwiłł, Sapieha), von Reichsfürsten und österreichischen Fürsten (Lubomirski, Poniatowski, Sułkowski), russischer Fürsten (Swiatopełk-Mirski) und preußischer Fürsten (Radolin). 1 Geschlecht (Wielopolski) führte einen päpstlichen Markgrafentitel, 104 Geschlechter waren Reichsgrafen oder österreichische Grafen, 41 Geschlechter waren preußische oder deutsche Grafen, 17 Geschlechter waren päpstliche Grafen, 9 Geschlechter waren russische Grafen, 4 Geschlechter waren sächsische Grafen und 2 waren italienische Grafen. 19 Geschlechter waren österreichische Freiherren, 13 waren napoleonische Freiherren, 3 waren polnische Freiherren, 1 waren russische Freiherren und 1 Freiherren von Sachsen-Coburg-Gotha. 35 Geschlechter führten einst den napoleonischen Titel Chevalier de l'Empire.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Brigitte Jäger-Dabek: Polen. eine Nachbarschaftskunde für Deutsche. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-86153-407-5, S. 34.

Literatur

  • Maria Rhode: Ein Königreich ohne König. Der kleinpolnische Adel in sieben Interregna. (= Quellen und Studien; 5). Harrassowitz, Wiesbaden 1997, ISBN 3-447-03912-4 (Volltext)
  • Marius Zmuda: Identität und Abgrenzung. Die polnische „szlachta“ auf der Suche nach ihrem Platz in Europa. 1648–1668. (= Digitale Osteuropa-Bibliothek: Reihe Geschichte; Band 10). Magisterarbeit, Universität Münster 2003 (Volltext)

Weblinks

 Commons: Polnische Familienwappen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien