Unheraldisch

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Unheraldisch (oft abwertend) bedeutet allgemein „nicht heraldisch“, „nicht die Heraldik betreffend“, „nicht zur Heraldik gehörend“, „nicht wappenkundlich“, „nicht den wappenkundlichen Regeln folgend“, „nicht zu Wappen gehörend“.

Das Gegenwort ist:

Geschichte und Kritik des Begriffs

Das Fachwort „unheraldisch“ taucht in literarischen Quellen ungefähr zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Davor war es unüblich bzw. überflüssig, „heraldische“ von „nicht-heraldischen“ Wappen zu trennen. In den meisten Wörterbüchern zur deutschen Sprache ist der Ausdruck nicht eingetragen.

In der Frühzeit der Heraldik (etwa 11. bis 13. Jahrhundert) entstanden Wappen mehr oder weniger „regellos“. In der Blütezeit des Wappenwesens (etwa 13. bis 15. Jahrhundert) gebrauchte man nicht allgemeingültige, formal nicht feststehende heraldische Regeln als jederzeit dehnbarer oder übertretbarer Kodex. Später, in der Verfallszeit der Wappenkunst (ca. 1650-1850) war die Heraldik von vorwissenschaftlicher Theorienbildung geprägt, die erst zu einer wissenschaftlichen und abgrenzenden Heraldik hinführte.

Erst im Zeitalter der Romantik, als sich eine umfassende Rückbesinnung und Wiederbelebung der Heraldik ereignete und breite Schichten des Bürgertums nach einem Familienwappen nachfragten und die Wappenverleihung durch Hofpfalzgrafen ein Ende fand (1806), entstand die Notwendigkeit, Methoden und wissenschaftlich fundierte Regeln zu besitzen, mit denen man zum Beispiel zwischen „angestammten Wappen“ und Wappen aus Wappenschwindel, Wappenhandel und kommerziellen Wappenwerkstätten differenzieren konnte.

In der Folge der Ereignisse wurden die ersten heraldischen Vereine gegründet -- 1869 der Herold in Berlin; 1870 der Adler in Wien; 1875 der Rote Löwe zu Zwickau; 1888 das Kleeblatt zu Hannover -- und es erschienen zahllose wissenschaftliche Schriften, die die Terminologie der Heraldik vereinheitlichten, heraldische Regeln erforschten, verallgemeinerten und rückwirkend auf die Blütezeit des Wappenwesens projizierten. Alle Wappen, die irgendwie von den nun „wohldefinierten“ heraldischen Regeln abwichen, bezeichneten die Heraldiker jener Zeit -- durchaus abwertend gemeint -- fortan als „unheraldisch“.

Die Definition: „unheraldisch“ = „von den heraldischen Regeln abweichend“ bzw. die negative Konnotation dieser Definition ist bis heute bei vielen Heraldikern präsent, obwohl sie verfehlt ist. Nimmt man sie streng, können Tausende und Abertausende von Wappen (aus der Neuzeit, aber vor allem auch aus der Blütezeit des Wappenwesens), die unzweifelhaft Teil von Wappen- und Kulturgeschichte sind, nicht mehr Forschungsgegenstand der Heraldik sein, weil sie offenkundig in der Darstellung und/oder im Blason mit den heraldischen Regeln brechen. Ab dem 15. Jahrhundert wären beispielsweise alle Buchstaben-/Zahlenwappen auszuschließen, die es in der Früh- und Blütezeit des Wappenwesens nur ausnahmsweise gab; in der Neuzeit das Nationalwappen Albaniens, das gegen die heraldischen Farbregeln verstößt; Otto Titan von Hefner würde alle „Zopfwappen“ als „unheraldisch“ oder „altmodisch“ ausschließen, die eine Gemeine Figur aus einer Zeit enthielten, die vor dem Mittelalter lag (z. B. ein Wappen mit einem Pegasos)[1]; wieder andere nennen Hinterwappen oder Wappen mit Armaturen als unheraldisch ... und so weiter, und so fort. Andererseits wären Tausende und Abertausende von Parawappen, die von niemanden geführt werden, die aber die heraldischen Regeln befolgen, damit in gewissem Sinn auch Teil der Heraldik.

Sonderfälle (am Beispiel Helmdecke)

Was „heraldisch“ beziehungsweise was „unheraldisch“ genannt wird, ist oft nur Ausdruck eines Zeitgeistes, einer bestimmten Mode oder eines bestimmten ästhetischen Verständnisses. Man kann das am Sonderfall Helmdecke zeigen, wo bis heute teilweise der Grundsatz „Metall innen, Farbe außen“ als „heraldisch“ gilt -- und das Gegenteil „Farbe außen, Metall innen“ als „unheraldisch“. Es besteht kein Zweifel darüber, daß es zu Beginn des Wappenwesen beziehungsweise in der Kriegsheraldik keine Regel gab, mit welcher Farbe die Helmdecke nach Innen oder nach Außen zu tragen sei. Eine derartige Reglementierung, die auf ästhetische Wirkung abzielt, kann nur Produkt der Turnierheraldik oder der Papier-/Kanzlei-/Zierheraldik sein. Von dort gelangte sie bis in die Prüfungsgrundsätze von einigen Heroldsausschüssen des 20. Jahrhunderts. An die Regelung wurde sich aber zu keiner Zeit allgemein gehalten. Die Anzahl der Fälle, die nach dem Grundsatz „Metall innen, Farbe außen“ gestaltet sind, überwiegt zwar bei weitem die Anzahl der Fälle, die nach dem Prinzip „Farbe außen, Metall innen“ entworfen sind. Letztere sind aber durchaus Legion -- und eine neuere Ausgabe der Deutschen Wappenrolle (Band 73) trägt diesem Umstand Rechnung, in dem beide Formen der farblichen Deckengestaltung gezeigt werden. Die gegensätzlichen Ausdrücke „heraldisch-unheraldisch“ sind in diesem und für vergleichbare Fälle kontraproduktiv oder nicht angemessen für heraldische Forschungen und Diskussionen.


Zitate und Definitionen

„Wappendarstellungen bzw. heraldische Tinkturen, die den heraldischen Gesetzen sowie dem Wesen der ursprünglichen Heraldik widersprechen.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[2]

„Das Urteil: „das Wappen ist unheraldisch“ soll nicht als nur abwertend gedeutet werden, sondern als aus der Heraldik ausgrenzend. Kein Heroldsamt oder heraldischer Verein, der sich seriös mit Heraldik beschäftigt, würde ein solches Zeichen offiziell akzeptieren.“

Václav Vok Filip: Einführung in der Heraldik (2000)[3]

Einzelnachweise

  1. Vgl. Hefner, Otto Titan von: Grundsätze der Wappenkunst. In: J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, neue Aufl. 1855.
  2. Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Mannheim, Wien, Zürich. 1984. S.
  3. Filip, Václav Vok: Einführung in der Heraldik. Stuttgart. 2000.