Turnierheraldik

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Der Begriff Turnierheraldik (auch Prunkheraldik genannt) beschreibt eine geschichtliche Epoche in der europäischen spätmittelalterlichen Wappenkultur, deren Hochphase in etwa in die Zeit vom 14. bis zum 15. Jahrhundert fällt. Der Turnierheraldik löst die sogenannte Kriegsheraldik ab (12. und 13. Jahrhundert) und mündet in die Papier-/Kanzlei-/Zierheraldik (16. und 17. Jahrhundert).

„Der Kriegsheraldik des 12. und 13. Jahrhunderts folgte die Turnierheraldik (14./15. Jahrhundert), um sodann in die Kanzleiheraldik (16./17. Jahrhundert) einzumünden.“

Hans Buchner (1988)[1]

Begriffsgeschichte

Der Begriff Turnierheraldik, der sich aus den Morphemen „Turnier-“ und „-Heraldik“ zusammensetzt, ist erst seit dem 20. Jahrhundert vereinzelt in der heraldischen Fachwelt gebräuchlich. Zum Zeitpunkt der Turnierheraldik gab es zwar Ritterturniere und die Kultur des Wappenwesens, aber keine Heraldik im eigentlichen Sinn. Zu den heraldischen Autoren, die den Begriff einführten, prägten oder gebrauchten, gehören beispielsweise Bruno Bernhard Heim (1947), Robert Steimel (1964), Otto Meier (1966), Jürgen Arndt und Eckart Henning (1969), Heinrich Hußmann (1973), Walter Leonhard (1978) und andere.

Die Autoren heben hervor, daß nach dem Wappengebrauch, der sich im Kriegswesen und bei kriegsnotwendigen Kampfübungen findet, durch das Turnierwesen ein neuer, bedeutungsvoller Zeitabschnitt in der praktischen („gelebten“) Wappenkultur begann.

Indem man zwei Epochen im zeitlichen Nacheinander voneinander abgrenzt, wird in gewissem Sinn die Diskussion um die Frage beantwortet, ob der Ursprung des Wappenwesens im Kriegs- oder im Turnierwesen zu suchen sei: Beide Phänomene tragen einen gleichwertigen substantiellen Teil zur Entwicklung der Wappenkultur bei: Ohne das vorangegangene, ursprünglich militärische Wappenwesen („Kriegsheraldik“) kein Turnierwappenwesen („Turnierheraldik“) -- und ohne beide zusammen keine spätere Heraldik, die zwischen beiden Epochen differenziert.

Zeitliche Einordnung

Die Übergange von einer Epoche des Wappenwesens zur nächsten gingen nach den meisten Autoren fließend vonstatten, so daß kein konkreter Zeitpunkt genannt werden kann, wann die Turnierheraldik anfing, wann sie endete. In der heraldischen Literatur ist sie in der Regel grob für das 14. beziehungsweise 15. Jahrhundert bestimmt, mit der sie auch endet:

„Aber die Turnierheraldik fand im 15. Jahrh. ihr Ende.“

Robert Steimel (1964)[2]

Einige Autoren verwenden den Begriff in Zusammenhängen, die davor (12./13. Jahrhundert) oder danach (16./17. Jahrhundert) liegen.

„Die Turnierheraldik des 12. und 13. Jahrhunderts kannte noch keine Rangzeichen (..)“

Rupert Feuchtmüller, Elisabeth Kovács, Stift St. Florian (1986)[3]

„(Nachdem … Rüstungstechnik -- Anm. der Redaktion) bereits im 13. Jahrhundert entbehrlich wurde, entwickelte sie sich vom 14.-17. Jahrhundert in Form der Turnierheraldik ritterlicher Kampfspiele weiter (..).“

Friedrich Beck, Eckart Henning (2003)[4]

Die Ausdehnung des Begriffs „Turnierheraldik“ auf weite Zeiträume vor bzw. nach dem 14./15. Jahrhundert hängt vermutlich damit zusammen, daß man als Beginn des eigentlichen „Turnierwesens“ gewöhnlich das Hochmittelalter angibt (spätes 12. Jahrhundert) und sein Ende mit dem Ende des 16. Jahrhunderts gleichsetzt (ein später Tjost ereignete sich anläßlich der Hochzeitsfeier von Karl I. im Jahre 1625).

„Mit dem 17. Jahrhundert ist das alles zu Ende, denn Ringelstechen und Ringelrennen sind endgültig an die Stelle der Turniere getreten.“

D. L. Galbreath; Léon Jéquier: 1942/1990[5]

Entwicklung des Wappenwesens in der Turnierheraldik

Die Bezeichnung Turnierheraldik leitet sich aus dem Umstand ab, daß etwa ab dem 13./14. Jahrhundert das militärische Wappenwesen („Kriegsheraldik“) sukzessive an Bedeutung verlor, während das turnierbegleitende Wappenwesen an Bedeutung gewann. Effektive Fernwaffen wie Armbrust und Langbogen, die aufkommenden Feuerwaffen, die häufigen Siege von Fußtruppen über Reiter (zum Beispiel in der Sporenschlacht und in den Schlachten am Morgarten, von Crécy, Sempach und so weiter) führten dazu, daß bestimmte, mit Wappen geschmückte Abwehrwaffen (Schilde, Helme) auf Kriegsschauplätzen seltener wurden oder ganz verschwanden. Kampfschilde mit Wappenbild werden beispielsweise durch kleinere, leichter zu handhabende metallene Parierschilde ohne Wappenverzierung ersetzt[6].

Der Gebrauch von wappengeschmückten Schutzwaffen konzentrierte sich in der Folge gewissermaßen auf die Anwendung in mehr oder weniger sportlich-turnierartigen Veranstaltungen (Buhurt, Turnei, Tjost), wo Wappen unverzichtbare optische, künstlerisch-plakative Elemente der Turnierausrüstung waren. Die Anwendung von Wappen auf Turnierausrüstungen unterscheidet sich teilweise vom militärischen Gebrauch. Kontrastreiche Wappenbilder, aufwendige Helmziere, Prunkhelme und ähnliches bieten auf Schlachtfeldern wenig oder keinen Nutzen, in Turnieren transportieren sie mindestens einen Präsentationszweck. Einerseits ermöglichen differenzierte Wappen im Turnier, Einzelpersonen (unter Umständen auch kleinere „Turniergruppen/-mannschaften“) kenntlich zu machen und zu identifizieren. Andererseits dienen Wappen der Schaustellung (Selbstinszinierung/Selbstdarstellung) der eigenen Herkunft beziehungsweise der Statuspräsentation und besaßen damals vermutlich auch einen Mode- oder Schmuckzweck. Nur höfische Kreise, die Mächtigsten und Reichsten, die Adligen, die turnierberechtigt waren, konnten es sich leisten, das eigene Turnierequipment mit Wappenabbildungen, Helmzieren etc. kostspielig zu schmücken. Helmziere waren integraler Bestandteil bestimmter „Turnierspiele/-übungen“. Man versuchte, diese vom Gegner abzuhauen. Sieger war, wer als letzter seine Helmzier noch besaß. Inwieweit diese besondere Bedeutung der Helmzier dazu führte, daß Helmziere auch Bestandteil eines Vollwappens wurden, ist noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht.

Naturgemäß kamen Turniere, ähnlich wie heutige Sportveranstaltungen, nicht um Reglementierungen herum. Diese betrafen auch das Wappenwesen. Spezielle oder turnierbedingte „Regeln“ wurden für Wappen und Wappenbeschreibungen ausgearbeitet oder abgesprochen. Sie ergaben sich aus der Anforderung, Hunderte von wappenführenden Teilnehmern und Tausenden von Zuschauern so zu organisieren, daß sich das festlich-gesellschaftliche Ereignis nicht vollständig in Chaos entfaltete und die „Stars/Helden/Idole“ eines Turniers auch optisch von der breiten Masse oder anderen Turnierteilnehmern erkannt werden konnten. Ausrufer/Ausschreier („Grôgiraere“, „Garzen“) preisten Turniersieger und hochgestellte Persönlichkeiten und deren Wappen. Die Funktion der „Ausrufer“ übernahmen bald die „Knappen von Wappen“, dann die Herolde[6]. Typisch für die Turnierheraldik ist die gewachsene oder veränderte Rolle der Herolde im Vergleich zu ihren früheren Kriegsdiensten. In der Epoche der Turnierheraldik oblag es Ihnen,

„(..) die den Turnieren vorangehende Helmschau durchzuführen, die Wappen der Teilnehmer eingehend auf Richtigkeit zu überprüfen, besonders streng auf die Farbregeln zu achten, unrechtmäßig geführte Wappen zurückzuweisen, die Turnierfähigkeit der zum Kampf Angetretenen zu beurteilen und abschließend einen Bericht über das Turnier abzufassen.“

Walter Leonhard (2003)[6]

Die Herolde hatten in dieser Periode einen beträchlichen Einfluß auf die Verfeinerung und Festlegung von heraldischen Grundsätzen sowie auf formale Blasonierungs- und Ästhetikregeln für Wappen. Ihren Aktivitäten ist es zu verdanken, daß sich in den Zeiten der Turnierheraldik mehr oder weniger einheitliche Kodexe für die Darstellung eines Vollwappens in der Zusammenstellung Wappenschild, Helmzier und Helmdecke entwickelten[5][6]. Die Erstellung handschriftlicher Wappendokumentationen durch die Herolde liefern uns heute wertvolle Hinweise über turnierfähige Ritter und deren Wappen sowie über Stil und Formgebung von („heraldischen“) Wappen im Gegensatz zu sonstigen Zeichen oder Wappen aus der Kriegsheradik, die weitgehend regellos oder unbeständig entworfen wurden. Über die tiefere Bedeutung der fixierten Wappenbilder finden sich in den historischen Quellen dieser Epoche in der Regel keine Informationen, so daß heute nur Mutmaßungen darüber möglich sind.

Abgrenzung von der Kampfheraldik

Der mißverständliche und umgangssprachliche Ausdruck Kampfheraldik ist in der Regel ein Synonym für den Begriff Kriegsheraldik; da in Turnieren auch "gekämpft" wurde, könnte man ihn aber auch als ein Synonym für den Ausdruck Turnierheraldik verstehen. Grundsätzlich eignet er sich, wenn überhaupt, nur als Oberbegriff für beide Epochen, aber nicht zur Beschreibung einer dieser beiden Epochen. Auf seinen Gebrauch sollte man in der heraldischen Fachliteratur grundsätzlich verzichten, da er unscharf, nicht wissenschaftlich fundiert und nicht hinreichend abgegrenzbar ist.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Buchner, Hans: Bürger, Pfarrer, Adelige: die Grabdenkmäler in Pfarrkirchen bis zum Jahre 1810. Rottal-Inn. 1988. S. 19.
  2. Steimel, Robert: Die Wappen der bundesdeutschen Landkreise. Steimel-Verlag. 1964. S. 18.
  3. Feuchtmüller, Rupert; Kovács, Elisabeth: Welt des Barock: Oberösterreichische Landesausstellung 1986, 25. April bis 26. Oktober 1986 im Augustiner Chorherrenstift St. Florian. Band 1 von Welt des Barock. Land Oberösterreich. 1986. ISBN 3210248230, 9783210248233. S. 119.
  4. Beck, Friedrich; Henning, Eckart: Die archivalischen Quellen: mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. Böhlau 2003. S. 307.
  5. 5,0 5,1 Galbreath, D. L.; Jéquier Léon: Handbuch der Heraldik. Augsburg 1990. S. 42.-43. ff.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 Leonhard, Walter: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung, Bechtermünz-Verlag 2003. ISBN 3-8289-0768-7 S. 18 ff.