Pflugreute

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Dieser Artikel beschreibt die gemeine Wappenfigur „Pflugreute“; zu anderen Figuren, die ebenfalls als „Reute“ bezeichnet werden, siehe Reute (Begriffsklärungseite).
Wappenbrief von 1608: Zwei schräggekreuzte, golden gestielte, silberne Pflugreuten
(Familie Schreiber von Grünreut)
1819: Pflugreitel/Reutel
(a=Eisen; b=Stock; c=Handhabe; nach Krünitz)
1325-1335: Pflugreute auf Quersteck (mit verdecktem schaufelförmigen Blatt, beim Pflügen ruhend; nach Luttrell-Psalter)
1582, heraldisch rechts: Pflugreute (daneben: Pflugsech und Spatenblatt; Handwerkerwappen einer Nürnberger Zeugschmiedgesellschaft)

Die Pflugreute (auch „Ackerreute“, „Ackerschäufele“, „Pflugrödel“, „Pflugreitel“, „Pflugscharre“, „Pflugschorrer“, „Pflugabstreifer“, „Plogskotta“, kurz und mißverständlich „Reute“, „Reitel“, „Reitn“ oder ähnlich genannt; französisch curoir, curon; englisch plough-raker; lateinisch rulla) ist in der Heraldik eine seltene gemeine Figur.

Darstellung

Die gemeine Figur Pflugreute ist dem gleichnamigen Hilfsgerät beim Pflügen nachempfunden, mit dem Bauern „von dem Streichbrett des Pfluges oder von der Pflugschar den nassen Erdboden oder anhaftendes Kraut abstreifen“.[1]

„Die Pflugreute, plur. die -n, ein langer und dicker Stecken, welcher vorn mit einem breiten und scharfen Eisen beschlagen ist, die fette Erde, welche sich im Pflügen an den Pflug und an das Streichbret setzet, damit abzustoßen (..)“

Adelung (1798)[2]

„Pflugreute oder Ackerreute, ein eisenbeschlagener Stab zum Säubern des Pflugs, namentlich des Pflugbrettes von der daran sich hängenden Erde (..)“

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (1854-1961)[3]

Das Werkzeug erscheint im Wappen gewöhnlich mit einem kurzen, stilisierten (hölzernen) Stiel, dessen unteres Ende eine abgewinkelte Handbabe besitzt und an dessen oberen Ende ein (metallischer) schaufelartiger Stangenaufsatz angebraucht ist („Eisenzeug“). Es existieren regional unterschiedliche Konstruktionsformen des Werkzeugs, die, wenn sie als Wappenfigur erscheinen, mit den spezifischen Details zu melden sind (beispielweise kann das ausgeschmiedete Blatt rechteckig oder dreieckig sein)[1]. Wenn die Pflugreutenfigur einen Haken besitzt, der in der Realität den Bauern zum Anhaben/Anlüften der Egge diente, sobald sie sich mit Kraut vollgesetzt hatte, ist dies in der Wappenbeschreibung anzuzeigen.

Die Figur kann einzeln im Wappen vorkommen, erscheint teils in Mehrzahl oder mit anderen Wappenfiguren kombiniert (zum Beispiel schräggekreuzt). Eine normative Stellung für eine Pflugreute ohne Positionsangabe im Wappenschild ist nicht belegt. Daher sollte man in der Wappenbeschreibung stets angeben, in welche Richtung Stiel, Handhabe beziehungsweise das Eisen gerichtet sind. Wenn der schaufelförmige Teil zum oberen und der Stiel der Figur zum unteren Schildrand gerichtet sind, kann man dies beispielsweise als „aufrechte Pflugreute“ beschreiben, wobei die gekrümmte Handhabe in diesem Falle entweder „nach (heraldisch) rechts“ oder „nach (heraldisch) links“ gewendet ist. Ist die Pflugreute gestürzt oder in einer anderen Weise im Schild oder Feld gestellt (schrägrechts, schräglinks, balkenweise und so weiter), ist dies ebenfalls anzuzeigen. Alle heraldischen Farben sind als Tingierung der Figur gebräuchlich. Wird der obere, schaufelförmige Teil des Pflugreute oder ihre Handhabe anders tingiert als der Stab, ist dies zu melden.

Pflugreuten, die als Rodehacken beschrieben werden (Wappen Uttenreuth)

In der heraldisch-stilisierten Darstellung unterscheidet sich eine Pflugreutenfigur nur wenig oder gar nicht von anderen, teilweise ebenfalls „Reute“ genannten Werkzeugfiguren (Rindenschäler, Rodehacke, Kalkreute, Schäferstab/-schippe). Das deutlichste Unter­scheidungs­merkmal ist eine abgewinkelte Handhabe, mit der die Figur stets im Wappen dargestellt werden sollte, auch wenn Pflugreuten ohne gekrümmter Handhabe überliefert sind und in der Praxis eingesetzt wurden.

In Unkenntnis spezifischer Unterscheidungsmerkmale kommt es manchmal zu Verwechslungen. Beispielsweise erscheinen im aktuellen Wappen von UttenreuthW-Logo.png zwei „Pflugreuten mit Handhabe“ (sic!), obwohl die Motive nach der ursprünglichen Wappenbeschreibung auf eine Rodung referenzieren sollen („Rodung [= reuth] des Uto“)[4] und demnach eigentlich als zwei schräggekreuzte Rodehacken/Reuthauen (=Reute) ohne abgewinkelte Handhabe aufzureissen sind.

Symbolik

16. Jhr.: Steinkreuz mit Relief einer Pflugreute
(Kirchgasse 11, Stübach Standort49.6078310.58602)

Innerhalb der Heraldik steht die Pflugreutenfigur teilweise redend für den Namen eines Wappenführenden. Beispielsweise verweist die Pflugreute im Familienwappen der Schreiber von Grünreut explizit auf den Namensbestandteil „(Grün-)reut“.

Das Motiv der Pflugreute erscheint nicht nur in Handwerker- und Familienwappen, sondern findet sich auch auf bäuerlichen Sühne- und Totengedenkmalen wie Steinkreuzen und Kreuzsteinen aus dem Mittelalter. Es symbolisiert außerhalb der Heraldik den Bauernstand und diente beispielsweise in den Zunftzeichen/-wappen von Zeugschmieden zur Kennzeichnung, welche Produkte diese Zunft herstellte.

Weblinks

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Werner Müller: Pflugreute oder Rindenschäler? Die Darstellungen auf den Kreuzsteinen oder Steinkreuzen bedürfen einer neuen Überprüfung. 2008, abgerufen am 11. Oktober 2018 (Internet: www.suehnekreuz.de. Steinkreuzforschung, Sammelband Nr.33 [NF 18)], Regensburg 2008, S. 15-23).
  2. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 749. (Digitalisat)
  3. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Pflugreute. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  4. Wolfgang Wüst: Die lokale Policey: Normensetzung und Ordnungspolitik auf dem Lande. Ein Quellenwerk, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004396-8, S. 262