Naturfarbe (Heraldik)

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Schraffur für Naturfarbe

Naturfarbe (Abkürzung: „nat. F.“; auch natürliche Farbe, künstliche Farbe, Leibfarbe, Fleischfarbe oder anders genannt; frz.: au naturel; engl.: natural color) ist in der Heraldik

  • eine unbestimmte, zusätzlich zu den heraldischen Grundfarben (Blau, Rot, Grün, Schwarz) und den heraldischen Metallen (Silber, Gold) verwendete natürliche Sonderfarbe, deren genaue Ausprägung sich nur im Kontext eines konkreten Wappenbildes/-motivs bestimmt (so ist Naturfarbe beispielsweise bei der Darstellung von Fell = Braun, bei Haut = Rosa/Braun/InkarnatW-Logo.png, bei Mauern = Grau und so weiter).
  • ein Ober- oder Ordnungsbegriff für mehrere Hilfstinkturen („Braun“, „Inkarnat“, „Grau“) und die entsprechenden Schraffuren oder Schattierungen, die man bei schwarzweißen Darstellungen dieser Farbtöne verwendet.

Geschichte und Verwendung

In der Frühzeit des Wappenwesens (11. bis 13. Jahrhundert) war „Naturfarbe“ nicht gebräuchlich. Die Verwendung von Naturfarbe wurde erst mit dem Aufkommen der Papierheraldik eine mehr oder weniger geduldete Ausnahme von den heraldischen Farbregeln. Bis heute zählen manche heraldische Quellen die Naturfarbe nicht zu den heraldischen Farben beziehungweise empfehlen, diese zu vermeiden oder nur für untergeordnete Bestandteile von Wappen zu verwenden.

„Die sogenannte natürliche Farbe, das heißt diejenige, welche jedem Gegenstand in der Natur zukommt, in der Heraldik anzuwenden, wäre den alten Wappenkundigen und Wappenkünstlern nie in den Sinn gekommen (..) Ich habe die feste Überzeugung gewonnen, dass dasjenige, was unsere Heraldiker unter „natürlicher Farbe“ verstehen, in der bessern Periode des Wappenwesens nicht nur nicht bestanden hat, sondern dass es auch heutzutage noch nicht nothwendig ist, wenn man nicht lieber die „natürliche Farbe“ ganz verbannen sollte.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Darstellung

Da mit Naturfarbe jene Farbgebung gemeint ist, welche einem Motiv „in der Natur“ zukommt, steht der Ausdruck je nach Wappenmotiv für eine andere Farbe (zum Beispiel für „Braun“ oder für „Inkarnat“ oder für „Grau“ et cetera). Für die Naturfarbe (egal, in welcher konkreten farblichen Ausprägung) ist die heraldische Regel irrelevant, daß Metall nicht auf Metall und heraldische Farbe nicht auf heraldische Farbe zu stehen kommen soll. Die „natürliche Farbe“ darf sowohl neben Metall als auch neben heraldischer Farbe oder zwischen den beiden stehen. Eine einzelne natürliche Farbe kann zudem neben einer anderen Naturfarbe stehen (beispielsweise Braun neben Grau).

Die Verwendung von Naturfarbe ist in der Heraldik nicht zwingend erforderlich. Im Gegenteil: Es gilt als guter heraldischer Stil, gemeine Figuren und Gegenstände, die einem natürlichen Motiv nachempfunden sind, nicht in einer exakt gleichen, „natürlichen“ Farbe zu tingieren, sondern in einer korrespondierenden heraldischen Farbe.

„Alle natürlichen Farben sollten in die nächstliegende heraldische Farbe umgesetzt werden. Ein Baumstamm wäre dann nicht braun, sondern rot zu färben. Im Übrigen ist es zulässig, alle Gegenstände in allen heraldischen Farben zu färben. So kann ein Löwe grün oder blau sein.“

Deutsche Wikipedia (2003)[2]

Wappenkünstler und Wappenkundige wählen, wollen ...

„(..) sie irgend ein Tier, einen Baum etc. in seiner natürlichen Farbe vorstellen, immer die nächstgelegene ganze heraldische Farb oder das nächstgelegene Metall, darum finden wir in keinem gemalten Wappen der guten Zeit braune Wölfe, rosenrothe Blumen, falbe Pferde etc., sondern rote oder schwarze Wölfe, rote Hirsche, weiße oder silberne Elephanten, rote oder weiße Rosen, schwarze Baumstämme, rote Blätter, (z. B. bei Darstellung herbstlicher Linden), blaue, schwarze, goldene Dächer und so weiter.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Naturform versus Naturfarbe

Die Wiedergabe von Wappenfiguren in Naturfarbe kommt oft bei Tieren, Pflanzen, Menschen oder Gegenständen vor, die in „natürlicher Form/Gestalt“ erscheinen. „Natürliche Form/Gestalt“ und „natürliche Farbe“ sind jedoch zwei Bedeutungen, die nach Gert Oswald in der Wappenbeschreibung zu unterscheiden sind. Sie können miteinander kombiniert werden und sind unterschiedlich bei einem Wappenaufriß umzusetzen. Beispiel:

  1. Delfin (in Farbe x): Ein Delfin, der heraldisch stilisiert erscheint, dessen Farbgebung in der nächstgelegenen oder einer genannten heraldischen Farbe „x“ erfolgt.
  2. Delfin in Naturfarbe: Ein Delfin, der in der natürlicher Farbe bzw. gemäß der Farbgebung des natürlichen Vorbilds erscheint (Grau). Seine Gestalt erfolgt in diesem Fall heraldisch stilisiert.
  3. Natürlicher Delfin (in Farbe x): Ein Delfin, dessen Gestalt „natürlich“ -- nicht heraldisch stilisiert -- im Wappen erscheint. Seine Farbgebung erfolgt in diesem Fall in der nächstgelegenen oder in der beschriebenen heraldischen Farbe „x“ (also zum Beispiel in Schwarz, Rot, Gold/Gelb etc.)
  4. Natürlicher Delfin in Naturfarbe: Eine gemeine Figur Delfin, die in Gestalt und Farbwiedergabe seinem natürlichen Vorbild gleicht.

Einige Heraldiker folgen Oswald in diesem Zusammenhang nicht. Sie gehen davon aus, daß sich die Bedeutung des Wortes „natürlich“ immer auf Gestalt und Farbwiedergabe bezieht.

„Natürliche“ Farbe: Dann gibt es noch die sog. „natürliche“ Darstellung. „Natürlich“" bedeutet heute, daß ein Objekt, meist ein Tier, nicht heraldisch stilisiert dargestellt wird, sondern realistisch wiedergegeben wird. Das bezieht sich sowohl auf den äußeren Umriß als auch auf die Farbwiedergabe. Das Wort „natürlich“ ist in den letzten Jahrhunderten zu einer Art Ausrede geworden, sich über gleich zwei Regeln der Heraldik hinwegzusetzen, nämlich erstens die Regel, daß Objekte stilisiert wiedergegeben werden, und zweitens, daß jedes Objekt unabhängig von seiner tatsächlichen Farbe in jeder heraldischen Farbe dargestellt werden kann und in einer der heraldischen Farben wiedergegeben werden soll. In der Blütezeit der Heraldik hatte man damit kein Problem: Wenn man ein Tier so naturnah wie möglich darstellen wollte, wählte man einfach die nächstliegende Farbe: Ein Bieber wurde schwarz dargestellt, ein Elefant silbern, ein Baumstamm schwarz. Erst in neuerer Zeit hat sich dann die Idee entwickelt, Bieber und Baumstämme braun und Elefanten grau abzubilden. Daß das ein Gewinn für die Heraldik war, bezweifle ich stark. Denn die Befürworter „natürlicher“ Darstellungen gehen zu sehr von der Prämisse aus, ein Wappen sei ein Bild, ein Gemälde - tatsächlich ist es aber ein kontrastreiches Zeichen. Wir verlieren genau dieses Prinzip unter Bruch zweier heraldischer Regeln und gewinnen eine größere Nähe zum Objekt, die der klassischen Heraldik in dieser Form eigentlich nie ein vorrangiges Ziel war. Nun gut, wir müssen damit leben, daß aus der Zeit des 18. und 19. Jh. viele Wappen mit natürlichen Darstellungen überliefert sind und auf ihre Weise Zeitzeugen einer Entwicklung sind, mittlerweile selber wieder Geschichte sind. Aber heute wollen wir uns doch lieber auf die klare Zeichenhaftigkeit rückbesinnen, die das Wesen gotischer Heroldskunst ist, und da haben die von manchen zeitgenössischen Heraldikern exzessiv genutzten „natürlichen“ Darstellungen keinen Platz.“

Bernhard Peter (2004-2007)[3]

Schraffur

Die Naturfarbe wird in einigen Schraffursystemen beziehungsweise bei Wappen, die in der Literatur nur in Schwarz-Weiß abgebildet sind, durch eine Zickzacklinie, durch Schattierung oder ähnliches bildlich dargestellt.

Naturfarbe (Tafel II. Figur 11; Abkürzung: nat. F.): eine erst in der neueren Zeit aufgetauchte heraldische Kuriosität. Um den Gegenstand, sofern er nicht bunt gezeichnet wird, als in seiner natürlichen Farbe dargestellt zu bezeichnen, ver(un)ziert man denselben mit Zickzack-Linien in der (heraldisch) rechten Diagonale.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Für einzelnen Naturfarben sind ebenfalls teilweise eigene einheitliche Schraffuren gebräuchlich:

Farbe Deutsch Französisch Englisch Darstellung
Heraldic Shield Tenné.svg Braun Brunatre Brunatre Diagonale Linien (links oben zu rechts unten) auf senkrechte Linien
Heraldic Shield Cendrée.svg Grau Cendrée Cendrée „aschfarben“, vergl. Zunder / Ferfr): Grau, gestrichelte senkrechte und gestrichelte waagrechte Linien: als unedles Metall eine Farbe im heraldischen Sinne
Heraldic Shield Carnation.svg Fleischfarbe Carnation Carnation Inkarnat: gestrichelte senkrechte Linien, meist in Rosa / Pink dargestellt
Eisen ? ? enganliegenden, von rechts und von links diagonal verlaufenden Strichen; Stahlfarbe, himmelblaue Tinktur[4]

Wappenbilderordnung

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889.
  2. Seite „Tingierung“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 22. Januar 2013, 09:26 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tingierung&oldid=113268075 (Abgerufen: 18. März 2013, 09:54 UTC)
  3. Show-handle-HW.png Bernhard Peter: "Natürliche" Farbe. In: Gute heraldische Praxis: Farben in der Heraldik. Internet. Erstellt: 2004-2007. Aufgerufen am 17.01.2011.
  4. Lexikon der Heraldik, Gert Oswald, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1984