Lilienkreuz

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Gleven-/Lilienkreuz
 
gemäß Siebmacher
(Gestalt ähnlich/identisch mit Dreilappenkreuz)
 
gemäß WBO, Nr. 0378

Die Ausdrücke Lilienkreuz und Glevenkreuz (frz. croix fleuronnée oder croix florencée; engl.: cross fleury oder cross flory) sind in der Heraldik im weitesten Sinn:

  • Oberbegriffe für Kreuze, deren vier Armenden entweder mit heraldischen Lilien oder mit Glevenspitzen (=„Oberteil der Stangenwaffe Gleve“) oder mit Gleven (=„heraldische Lilien ohne Unterteil“) „auslaufen“[1], mit diesen „geziert“ sind[2] oder mit diesen „besetzt“ sind[3] beziehungsweise (zumindest teilweise) irgendwie lilien-/glevenförmig zum Schildrand ausgezogen sind.

Gewöhnlich erscheinen die Lilien-/Glevenkreuze als Varianten des griechisches Kreuzes.

Geschichte und Blasonierung

Wie Lilien-/Glevenhaspel sind die Lilien-/Glevenkreuze in vorheraldischer Zeit kein wappenmäßiges Bild, sondern Schildversteifungen/-verstärkungen, die gleichwohl teilweise als ornamentale Zier geschmiedet sind. Erst in der heraldischen Zeit werden aus den ornamentierten, kreuzförmigen Schildbeschlägen durch sphragistische Fixierung sukzessive wappenmäßige Bilder, die man in der Folge auf die Schilde aufmalte oder als Wappenfigur führte.

In der heraldischen Literatur, in Wappendiplomen und anderen Wappenbeschreibungen sowie in der Umgangssprache sind über die Jahrhunderte das Lilien-/Glevenkreuz und Derivate dieser Figur unterschiedlich bestimmt. Je nach Quelle, Region, Zeitgeist et cetera werden sehr verschiedene Kreuzformen/-motive unter dem Oberbegriff Lilien-/Glevenkreuz zusammengefaßt. In der Früh- und Blütezeit des Wappenwesen und lange danach sind die genauen Unterschiede zwischen den Lilien-/Glevenkreuz-Varianten und ähnlichen Kreuzen wie dem Dreilappenkreuz oder dem Lilienzepterkreuz sowohl in der Darstellung als auch in der sprachlichen Bestimmung mehr oder weniger irrelevant. Ein andauernder Bedeutungswandel führt dazu, daß teilweise optisch und im Detail sehr verschiedenartige Lilien-/Glevenkreuze einen oder mehrere Eigennamen haben, teilweise aber nur mit dem Oberbegriff Lilien-/Glevenkreuz beschrieben sind. Erst in der neueren heraldischen Theorie gibt es vorsichtige Ansätze, die verschiedenen Lilien-/Glevenkreuz-Varianten genauer oder systematisch zu bestimmen, wobei man zur Bestimmung der recht unterschiedlichen Typen Details oder besondere Merkmale heranzieht. Beispielsweise kann man überprüfen:

  • auf welcher Kreuz-Grundform ein Lilien-/Glevenkreuz basiert (zum Beispiel griechisches Kreuz, Tatzenkreuz, lateinisches Kreuz)
  • welcher Arm/welche Arme des vorliegenden Lilien-/Glevenkreuzes „lilien-/glevenförmig“ gestaltet ist/sind (zum Beispiel alle vier; nur die oberen drei)
  • in welcher Art und Weise die „Lilie“ beziehungsweise die „Gleve“ erscheint (mit oder ohne Gürtel, mit oder ohne obere oder untere Außen- oder Mittellblätter)
  • inwiefern die Lilien/Gleven am Kreuzarmende mit dem restlichen Kreuz eine geschlossene Figur bilden (zum Beispiel „besetzt mit ..“, „ausgezogen mit ..“ beziehungsweise mit oder ohne Konturlinie zwischen Kreuzarmende und dem „lilien-/glevenförmigen“ Element et cetera).

In der heutigen heraldischen Praxis beziehungsweise bei Wappenbeschreibungen wird eine genauere Bestimmung des Lilien-/Glevenkreuzes noch selten oder gar nicht gemeldet. Grundsätzlich empfiehlt es sich jedoch, Bezeichnungen oder Beschreibungen zu benutzen, die die entsprechende Wappenfigur eindeutig erläutern. Ist eine konsistente Wappenweitergabe angestrebt, kann es im Zweifelsfall sinnvoll sein, mehrere besondere Merkmale eines „Lilien-/Glevenkreuzes“ in der Wappenbeschreibung zu erwähnen, auch wenn dies gegen die gebotene Kürze eines Blasons verstoßen sollte.

Darstellung

Die Kreuzarmenden eines Lilien/Glevenkreuzes sind gewöhnlich „dreiblättrig“. Sie erscheinen einerseits mit einem mittleren, länglich-lanzettfömig floralW-Logo.png ausgeprägten Blatt und mit weit zurückgeschlagenen Seitenblättern (in Anlehnung an die heraldische Lilie beziehungsweise an das Oberteil derselben [= Gleve], darüber hinaus an die Blüte der natürlichen Lilie); andererseits kann man die Kreuzarmenden als nachgestaltete Formen einer „Klinge der Waffe Gleve“ interpretieren.

Formgebende Grundelemente Kreuzgrundform Mögliches Lilien-/Glevenkreuz

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Derivate, Abwandlungen und Varianten

Das Lilien-/Glevenkreuz oder besondere Derivate des Kreuzes finden sich in vielfältiger Form als Wappenfigur in den Wappen, Hoheits- oder Ordenszeichen verschiedener Kommunen, Institutionen, Familien, Orden und Ritterorden. Insbesondere im Wappenwesen des spanisch-portugiesischen Kulturraumes sind Formen des Lilien-/Glevenkreuzes weit verbreitet. Dort entstanden im Rahmen der Reconquista Ritterorden, zu denen Menschen aus ganz Europa stießen, um an dem vom Papst zum Kreuzzug erklärten Kampf gegen die Mauren auf der iberischen Halbinsel teilzunehmen. Die von den Ritterorden im Wappen geführten Lilien-/Glevenkreuze fanden in der Folge der historischen Ereignisse Eingang in etliche andere Wappen.

Lilien-/glevenbesetztes Kreuz

Grundsätzlich ist zwischen einem lilien-/glevenbesetzten Kreuz (auch Lilien-/Glevenendenkreuz genannt; frz.: croix fleurdelisée; engl.: cross floretty, manchmal engl. auch als cross fleuretty, fleuronny, floriated oder flourished bezeichnet) und dem Lilien-/Glevenkreuz zu unterscheiden: Beim „Lilien-/Glevenkreuz“ sind die Kreuzarmenden lilien-/glevenförmig ausgezogen und das Kreuz erscheint als eine durchgängige Gesamtfigur ohne Konturlinien zwischen den einzelnen Elementen der Figur; beim „lilien-/glevenbesetzten Kreuz“ erweitern dagegen die Lilien/Gleven die Armenden eines Kreuzes und stellen eine zusätzliche Zier des Kreuzes dar. Zwischen den vier Lilien/Gleven und dem eigentlichen Kreuz erscheint in diesem Fall eine Konturlinie oder eine andere, starke gestalterische Trennung (zum Beispiel mittels des Lilien-Glevengürtels/Querbandes), durch die die fünf Elemente der Figur klar voneinander abgrenzt sind. Das lilien-/glevenbesetzten Kreuz ist auch von einem Lilien-/Zepterkreuz zu unterscheiden, bei dem kein „normales“ Kreuz das Zentrum der Figur bildet, sondern bei dem Lilien-/Glevenstäbe in Kreuzform zusammengestellt sind.

Rochenendiges Kreuz

Ein rochenendiges Kreuz (frz.: croix alésée, les extrémités terminées en forme de rocs d'échiquier; engl.: cross with each arm terminating in a chess-rock) ist ein Lilien-/Glevenkreuz, bei dem die Lilien-/Gleven an den Kreuzarmen nicht drei-, sondern nur zweiblättrig erscheinen, wobei jeweils das Mittelblatt fehlt („rochenendiges Lilien-/Glevenreuz“). In diesem Fall spricht man machmal auch von einem verstümmelten Lilien-/Glevenkreuz. Die Bezeichnung „rochenendig“ verweist auf die Wappen- und Schachfigur Roch, die ähnlich dargestellt wird beziehungsweise an ihrem oberen Ende ebenfalls zweiblättrig nach links und rechts ausgebogen erscheint.

Verstümmeltes Lilien-/Glevenkreuz

Von Verstümmelung redet man nicht nur beim rochenendigem Kreuz. Sind die Mittelblätter der Kreuzarmenden oder andere Teile des Lilien-/Glevenkreuzes durch andere Figuren ersetzt (zum Beispiel durch ein Kreuz oder eine gestielte Blume), so sind diese Abwandlungen ebenfalls als verstümmelt zu melden oder genau zu beschreiben.

Lilien-/Glevensteckkreuz

Ein Lilien-/Glevensteckkreuz ist ein Lilien-/Glevenkreuz, dessen Unterarm zugespitzt oder spitzenförmig erscheint und manchmal gegenüber den übrigen Armen bedeutend länger dargestellt wird. Das rote Jakobskreuz wird teilweise in dieser Form aufgerissen, erscheint aber auch in anderer Form (zum Beispiel mit einem Oberarm, der in ein Lindenblatt ausgeht und mit nur zwei lilien-/glevenartigen Seitenarmenden).

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Jakobskreuz

Lilien-/Glevenschrägkreuz

Wird das Kreuz als Schragen gelegt, wird es zum Lilienschrägkreuz.

Alcantara-Ordenskreuz

Das Alcantara-Ordenskreuz (auch Alcantarakreuz genannt; frz.: croix d'Alcantara; engl.: cross of alcántara) ist das Ordenszeichen des Ritterordens von AlcantaraW-Logo.png. Es steht seit 1156 als Symbol für den kastilischen Militärorden und erscheint als besonders ornamentiertes, grünes Lilienkreuz, insbesondere in vielen spanischen Wappen oder Hoheitszeichen.

Calatrava-Ordenskreuz

Das Calatrava-Ordenskreuz (auch Calatravakreuz genannt; frz.: croix de calatrava; engl.: cross of Calatrava) ist das Kennzeichen des Ordens von CalatravaW-Logo.png und erscheint wie das Alcantarakreuz, allerdings in rot.

Avis-Ordenskreuz

Das Avis-Ordenskreuz ist das Kennzeichen des Ritterordens von Aviz/Avis (auch als Ordem Militar de São Bento de Aviz oder als Orden des heiligen Benedikt von Avis bekannt[4]), das ist eine portugiesische Abspaltung des Calatravaordens. Es erscheint traditionell als grünes Kreuz, oft mit lilienförmigen Enden, zum Beispiel auf Zeremoniekleidung, die aus einem weißen Mantel mit dem Lilienkreuz bestand.[4].

Montesa-Ordenskreuz

Der Orden von Montesa wurde 1316 als spanischer Ritterorden gegründet. Sein Kennzeichen im Kampf gegen die Mauren war ein schwarzes Lilienkreuz, das dem Calatravakreuz beziehungsweise Alcantarakreuz ähnelt, das aber mit einem gemeinen roten Kreuz besetzt ist.

Konstantinisches Kreuz

Ein Lilien-/Glevenkreuz, das mit einem Christusmonogramm versehen ist, wird manchmal mißverständlich Konstantinisches Kreuz genannt, obwohl dieser Name für das Monogramm gebräuchlich ist.

Dominikuskreuz

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Dominikuskreuz

Seit dem 14. Jahrhundert ist es das Emblem der Inquisition, und geht von dort auch etwa auf das Wappen der Dominikaner über (die daneben das Mantelwappen, die Spitze, verwenden).[5] Das Dominikanerkreuz ist im heraldischen Sinn ein geständertes Lilienendenkreuz.[6]

Beispiele

Wappenbilderordnung

Weblinks

 Commons: Crux Fleurie (florale Kreuze) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Alcantarakreuz in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Calatravakreuz in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Avis-Ordenskreuz in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma lilienkreuz. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  2. Pierer's Universal-Lexikon. Band 10. Altenburg 1860. S. 377.
  3. Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Mannheim, Wien, Zürich. 1984. S. 256.ISBN 978-3-411-02149-9
  4. 4,0 4,1 Beschreibung sämtlicher Orden, deren Abbildungen in dem Farbendruck-Werk: "Die Orden, Wappen und Flaggen aller Regenten und Staaten", enthalten sind., Verfasser: ? , Leipzig, 1883-1887
  5. Angelus Walz: Das Wappen des Predigerordens. In: Römische Quartalsschrift für christliche Altertumskunde und für Kirchengeschichte XLVII (1939), S. 111–147; zit. nach O.A.: Welche Wappen verwenden die Dominikaner? Orden-online, 16. Mai 2008, abgerufen am 27. Februar 2010 (blog-Eintrag).
  6. Das große Buch der Wappenkunst, Walter Leonhard, Verlag Georg D. W.Callwey, München, 2003