Fidel (Heraldik)

Aus Heraldik-Wiki
(Weitergeleitet von Geige (Heraldik))
Wechseln zu: Navigation, Suche
1304-1340: Im Schild: Schrägrechts gestürzte Fidel; auf dem Helm: liegende Fidel mit Hahnenfederbüschen besteckt (Wappen Reinmar der Fiedler)
Fidel
Züricher Wappenrolle (um 1340)
 
Schräg gestürzt
(Wappen derer vom „Stain“)
 
Drei gestürzte 2:1
(Wappen der Herren von Wieladingen)
(Abbildungen nach Runge)
Fidel im Wappen der Herren von Wieladingen auf dem Wappenbalken im „Schönen Haus“ zu Basel, um 1290/1300
Rekonstruktion einer Memling-Fidel
1450–1480: Fidel im Wappen Winter von Alzey (Scheiblersches Wappenbuch)

Die Fidel (häufig auch Fiedel geschrieben; schon im 9. Jahrhundert bei Otfried „fidula“; ab dem 12. Jahrhundert teilweise synonym gebräuchlich zu Geige[1]; frz.: vièle, viièle, viele, vielle oder viole; engl.: vielle oder fiddle) ist im Wappenwesen eine gemeine Figur.

Abgrenzung und Terminologie

In einem engen, eher heraldisch-traditionellen Sinn zählen nur jene Streichinstrumente zu den gemeinen Figuren, die in der Früh-/Blütezeit des europäischen Wappenwesens (etwa 11. bis 15. Jahrhundert) auf einem Schild als Wappenmotiv denkbar gewesen wären. Nach dieser Auffassung gelten beispielsweise die mittelalterliche FidelW-Logo.png oder die RebecW-Logo.png als heraldisch, die ViolineW-Logo.png beziehungsweise andere Streichinstrumente (vgl. Viola da braccioW-Logo.png und Viola da gambaW-Logo.png), die erst aus den mittelalterlichen Streichinstrumenten entstanden sind und im Hochmittelalter unbekannt waren, eher als unheraldisch. In der heraldischen Terminologie sollte man vermeiden, jene Streichinstrumente, die vor dem 15. Jahrhundert in Wappen erscheinen, mit Ausdrücken zu benennen, die erst später gebräuchlich sind. Beispielsweise ist der Name „Violine“ erst im 18. Jahrhundert gängig[2] und daher zur Beschreibung von Wappenbildern aus der Züricher Wappenrolle (um 1340) nicht geeignet.

Auch der deutsche Ober-/Sammelbegriff „Geige“ ist zur Beschreibung eines Wappenmotivs ungeeignet, da er historisch sehr ungenau ist und unterschiedliche Streichinstrumente (Fidel, Bratsche, Cello sowie die Vorläufer von Kontrabassund Gambe) bezeichnet. Aus ihm geht nicht eindeutig hervor, welches Instrument in einem Wappen dargestellt wird beziehungsweise aufzureißen ist. Die Vernachlässigung der terminologischen und darstellerischen Besonderheiten der Instrumente ist in der Heraldik vermutlich nicht zu vermeiden, aber nicht empfehlenswert, da eindeutige Bezüge aus sprechenden Wappen wie jenes von Reinmar der Fiedler sonst verloren gehen könnten oder womöglich fehl-/umgedeutet werden.

Darstellung

Die gemeine Figur Fidel ist in Wappen -- mal mehr, mal weniger heraldisch stilisiert -- dem gleichnamigen Saiten-/Streichinstrument nachempfunden (vgl. → FidelW-Logo.png). Gewöhnlich erscheint die Wappenfigur spatenförmig oder rechteckig, auch schinkenförmig, mit einem flachen Boden und einem Wirbelbrett mit senkrecht aufgesetzten, vorderständigen StimmwirbelnW-Logo.png (im Gegensatz zur Rebec, die an einem gewölbtem Rücken und zur Seite abstehenden Stimmwirbel zu erkennen ist). Ist die Anzahl der Fidelsaiten nicht in der Wappenbeschreibung bestimmt, variiert sie je nach Wappendarstellung zwischen drei und sieben. Die Anzahl kann im Blason festgelegt werden und ist dann bei jedem Aufriss des Wappens zu berücksichtigen. Besonderheiten der Fidel (z. B. ein Wirbel/Wirbelkasten/Wirbelbrett mit geschnitztem Menschen- oder Tierkopf oder ähnlichem) sind im Blason ausführlich zu dokumentieren.

Die Stellung des Instruments sollte stets beschrieben werden (mit den Wirbeln zum oberen Schildrand gerichtet, gestürzt, schrägrechts, schrägrechts gestürzt, schräglinks, schräglinks gestürzt et cetera). Wird die Figur Fidel mit einem Bogen im Wappen dargestellt, ist Position der beiden Figuren zueinander anzuzeigen (zum Beispiel: „Fiedel, unterkreuzt von Bogen“).

Die Wappenfigur Fidel ist vorrangig in Gold, Silber oder Rot tingiert, findet sich aber in einigen Wappen auch in anderen heraldischen Farben oder in Naturfarbe. Gewöhnlich erscheinen die Saiten der Figur als schwarze Linien (beziehungsweise als silberne bei einer schwarzen Fidel); weicht die Farbe der Saiten von der Normalfarbe ab, so kann dies unter Angabe des Farbnamens mit den Ausdrücken besaitet oder bezogen gemeldet werden[3] Andersfarbige Bauteile (zum Beispiel ein GriffbrettW-Logo.png oder ein WirbelkastenW-Logo.png in anderer Farbe) sollten ebenfalls gemeldet werden.

Fidel-Wappen im Raum Alzey

Mehrere (rittermäßige) Geschlechter aus dem Raum AlzeyW-Logo.png beziehungsweise der Region Rheinpfalz (darunter Burgmänner, Lehensleute auf der Burg AlzeyW-Logo.png, Alzeyer TruchsesseW-Logo.png) führen die Fidel im Wappen, teils allein, teils begleitet von kleinen Nebenfiguren (Beizeichen). Beispielsweise erscheinen im Fidel-Wappen der Winter von Alzey und der Truchseß von Alzey teilweise Schindeln sowie im Wappen der Wilch(e) von Alzey Lilien. Ein Fidel-Wappen führen nach Seyler auch die Bindrieme, Munzhorn, Rost, Salzkern, Schluh von Alzey und Andere.[4] Gert Oswald weist darauf hin, dass die Truchseß von Alzey im Wappen Wiederkreuze zeigen:

„Eine weiße Fiedel auf roten, mit kleinen goldenen Wiederkreuzen besätem Feld erschien bereits um 1280 im Wappen des Truchseß von Alzey (Rheinpfalz).“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[5]

In Westermanns Monatsheften wird erwähnt, dass die Winter von Alzey die Fidel auch „auf Hermelingrund“ führen:

„Auffallend ist es jedenfalls, daß die Winter, welche als Lehensleute auf der Burg bei Alzei saßen, ebenfalls eine Geige (=Fidel -- Anm. der Redaktion) im Wappen führten. Ein Siegel Werner's von Winter vom Jahre 1288, dann ein solches des Philipp Winter von 1290 zeigt auf Hermelingrund eine viersaitige Geige (=Fidel -- Anm. der Redaktion).“

Westermanns Monatshefte (1864)[6]

Volker von Alzey

Volker von Alzey (rechts) mit Fidel als Helmzier (hier im Kampf gegen den Berner Mönch Islan. Darstellung aus dem „Rosengarten zu WormsW-Logo.png[7]

VolkerW-Logo.png ist eine Sagengestalt im Kontext der NibelungensageW-Logo.png. Das NibelungenliedW-Logo.png lässt ihn von der Stadt Alzey abstammen („Volker von Alzey“). Er wird als Mann voller Kampfeskraft gleichwie als SpielmannW-Logo.png am Hof der Burgunder in Worms charakterisiert. Angaben zum Wappen Volkers von Alzey finden sich nicht im Nibelungenlied, sondern im RosengartenliedW-Logo.png aus dem 13. Jahrhundert. Dort wird dem Spielmann Volker ein Wappen mit Fidel/Geige angedichtet:

„den schilt begund er fazzen, do wolt er in die nôt
dar ane suont ein fidele, diu was von golde rôt
(..)
er truog an sîme schilde eine gige vil gemeit“

Rosengarten zu Worms (13. Jahr.)[8]

Zusammenhänge im eher volkstümlichen Stil zwischen den vielen authentischen Fidel-Wappen aus dem Raum Alzey (vgl. oben) und dem Fantasiewappen des Volker von Alzey aus dem Rosengartenlied sind evident. In welcher Form sich aber die geführten Fidel-Wappen und das Fantasiewappen durch die Mechanismen Nachahmung und dichterischer und mündlicher Ausgestaltung gegenseitig verursacht haben, ist kaum historisch gesichtert zu ermitteln. Seyler macht auf weitere Kohärenzen aufmerksam, indem er Wernhir Pfifer von Alzey erwähnt, der im Jahre 1393 durch Pfalzgraf Ruprecht den Älteren auf Lebenszeit zum „König über alle Spielleute“ im „Königreich fahrender Leute in der Pfalz am Rhein“ ernannt wurde.[4] Seyler vermutet in Alzey sogar „eine Art Spielmannsschule“ -- läßt aber offen, ob er darin eine Erklärung für die Häufigkeit der Fidel-Wappen im Raum Alzey sehen will.

Derivate der Alzeyer Fidel-Wappen in der Neuzeit

Neuere Heraldik

Als Streichinstrumente des Mittelalters und der Renaissance sind vor allem die Fidel und die Rebec in der Heraldik von Bedeutung. Deren moderne Nachfolger sind lediglich in der neueren Heraldik als gemeine Figuren präsent. In der heraldischen Stilisierung verwischen manchmal die signifikaten Unterschiede zwischen den einzelnen Streichinstrumentmotiven, so daß die Figuren leicht verwechselt werden können. Die Deutungshoheit, um welche Figur es sich im Wappen handelt, liegt bei der Wappenbeschreibung (beziehungsweise beim Wappenstifter und den Wappenführenden).

Violine (Geige)

Geige (Violine) (Tafel XXVII. Figur 15. 16.): selten; Letzere (die drei Geigen) erscheinen im Wappen des bekannten Freiherrn von der Swieten.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[9]

Gambe

„Im Siegel der Gemeinde Gamstädt ist eine Gambe dargestellt; diese Darstellung assoziiert den Ortsnamen“.[10]

Kontrabass

Hardangerfiedel

Die gemeine Figur HardangerfiedelW-Logo.png (norweg.: hardingfele) ist der gleichnamigen Kastenhalslaute nachempfunden, die der Violine ähnelt und vor allem in der Volksmusik im Süden Norwegens verwendet wird.

Symbolik

Die Fidel war das wichtigste Instrument der Troubadoure und Minnesänger. Sie war ...

„(..) nicht nur das Symbol der Freude, sondern galt im Mittelalter auch als Standesattribut des Ritters (vgl. zum Beispiel den fiedelnden Ritter als Sinnbild der Tugend am Magdeburger Dom).“

Ingo F. Walther (1988)[11]

Innerhalb der Heraldik wird sie teiweise für redender Verweis auf den Wappenführenden, auf dessen Stand, Beruf oder ähnlichem verwendet (zum Beispiel im Wappen Reinnmar der Fiedler).

Wappenbilderordnung

  • Die Figur Fiedel wurde zusammen mit dem Ausdruck Geige in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Gegenstände aus Kunst und Spiel unter der Nr. 9904 aufgenommen.

Webseiten

 Commons: Seiteninstrumente in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Geige. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  2. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Violine. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  3. Christian-Samuel-Theodor Bernd: Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft. Band 2, Eduard Weber, Bonn 1849, S. 275.
  4. 4,0 4,1 Seyler, Gustav Adelbert: Geschichte der Heraldik. Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft. In: J. Siebmachers großes Wappenbuch. Band A. Repgrografischer Nachdruck der Ausgabe Nürnberg 1885-1889 (1890). Neustadt an der Aisch. 1970. S. 140
  5. Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Mannheim, Wien, Zürich. 1984. S. 129.ISBN 978-3-411-02149-9
  6. Westermann's Jahrbuch der illustrierten deutschen Monatshefte. Band 15, Georg Westermann, Braunschweig 1864, S. 219.
  7. Cod. Pal. germ. 359 Rosengarten zu Worms & Lucidarius Straßburg – Elsässische Werkstatt von 1418.
  8. Rosengarten zu WormsW-Logo.png. 1464 und 1495. Zitiert nach: Grimm, Wilhelm: Der Rosengarte. (Hie hebet sich der grosse rosengarte vō wormse vn̄ heizzet der grozze Rosen garte). 1836. S. 47, 48
  9. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 126
  10. Seite „Gamstädt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. August 2015, 15:21 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gamst%C3%A4dt&oldid=145159926 (Abgerufen: 20. September 2015, 09:44 UTC)
  11. Ingo F. Walther: Codex Manesse. Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Insel, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-14385-8. S. 212