Fischgreif

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Fischgreif
Fischgreif (im Wappen derer von Puttkamer)
 
1901/1903: (nach Adolf Matthias Hildebrandt)
 
2011: Digitalisat

Das Wappentier Fischgreif (auch Meergreif, Seegreif, Greiffisch, fischgeschwänzter Greif oder ähnlich genannt; französisch griffon mariné; englisch sea-griffin) ist in der Heraldik eine gemeine Figur

Darstellung

Der Fischgreif ist Sonderform des Greif. Er besitzt den Oberkörper eines Greifen und von der Körpermitte abwärts statt des Löwenleibes einen Fischleib. In einigen Wappenbildern ist der Fischschwanz teilweise verdeckt.

„der Greiffisch (Meergreif, spanisch grifo marino), oberhalb Greif, unterhalb Fisch (..)“

Christian Samuel Theodor Bernd (1849)[1]

Greiffisch (Tafel XXIII. Figur 24.): ist ein Greif, dessen Körper in einen abwärtsgebogenen Fischweif endet (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[2]

„(..) der See- oder Fischgreif ist vorne Greif und hinten Fisch.“

Carl Alexander von Volborth (1996)[3]

Geschichte und Verbreitung

Das Herkunftsgebiet des Fischgreifen war der Ostteil Pommerns, das Land Schlawe im Gebiet um Stolp und Bytów/Bütow. Hier herrschten seit Mitte des 13. Jahrhunderts die SwenzonenW-Logo.png unter wechselnder Lehnshoheit. Das Adelsgeschlecht, dessen Symbol der Fischgreif war, starb um 1316 aus. Das Gebiet fiel an Pommern zurück. Die Greifenherzöge übernahmen den Fischgreif in ihre Wappenbilder. Die östlichen Landesteile wurden bereits durch das Wappen des „Herzogtums Kassuben“ repräsentiert. Um nicht auf den Fischgreif verzichten zu müssen, wurde für ihn eine „Herrschaft Usedom“ postuliert, die als solche aber nicht existierte und auch nicht im Herzogstitel vorkam.

Der Fischgreif wird unter anderem im Wappen der adligen Familie von PuttkamerW-Logo.png geführt, die deshalb als mit den Swenzonen verwandt gelten.

„(..) im Wappen der Mestich, Gercken, Rexen, Puttkammer, Paulsdorf (..)“

Christian Samuel Theodor Bernd (1849)[1]

„(..) Dieses Fabelthier führen neben anderen die Pommerschen von Puttkamer und die ihnen wohl stammverwandten von Paulsdorff, von Gork, von Rexin und andere Pommersche Geschlechter, sowie Landestheile.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[2]

Die Städte Zanow (polnisch Sianów), Stolp (Słupsk), Schlawe (Sławno) und Rügenwalde (Darłowo) führen ebenfalls den Fischgreif im Wappen.

Antiker Fischgreif

Antiker Fischgreif
 
Römerstein am Gemeindeamt TriebendorfW-Logo.png
 
Fischgreif mit Löwen­klauen und doppeltem Delphin­schwanz

Im Gemeindewappen von Triebendorf, dessen Verleihung am 1. Juni 1999 erfolgte, erscheint ein „antiker Fischgreif“, der einem Artefakt (Römerstein, Grabsteinsockel) aus dem 1. bis 2. Jahrhundert nachempfunden ist. Die Wappenbeschreibung lautet:

In einem durch zwei goldene Wellenleisten von Blau und Rot und Rot und Blau geteilten Schild ein goldener Balken, darin ein blaues Seeungeheuer mit einem Adlerkopf mit Ohren, mit Flügel, Löwenklauen und doppeltem Delphinschwanz.[4]

Das Motiv wird ungenau als „Seeungeheuer“ beziehungsweise als „Seepferddarstellung“ beschrieben, ähnelt aber eher einer besonderen Ausprägung eines Fischgreifs. Ein Fischgreif in dieser antiken Form (mit doppelten Fischschwanz und zwei vorderen Löwengliedmaßen/-tatzen) ist in der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens als gemeine Figur nicht gebräuchlich. Diese Fischgreiffigur gilt daher Anhängern einer tradtionsgebundenen Heraldik als unheraldisch und anachronistisch.

Flügelloser Fischgreif

Den „flügellosen Fischgreif“ (Mischwesen, aus flügellosen Greifenkopf/-rumpf, zwei Greifenvorderklauen und einem Fischschwanz/-leib) findet man vereinzelt in der neueren Heraldik (zum Beispiel im Stadtwappen von Leba/Łeba oder im vorgeblichen Wappen von Benjamin SchmolckW-Logo.png). Bis auf die fehlenden Flügel gleicht dieses Motiv dem Fischgreif. Schaut man sich die Wappengeschichte der „flügellosen Fischgreife“ genauer an, entdeckt man, daß „flügellose Fischgreife“ ein Produkt von Fehldeutungen und Interpretationen älterer Darstellungen sind, die nicht schlüssig kategorisierbar waren und im „flügellosen Fischgreif“ sozusagen ihre endgültige Gestalt gefunden haben.

Beispiel: Łeba/Leba

Das Wappen der Stadt Łeba/Leba (Lebemunde, Lebamunde, Lebe, Coszczewzim), das 1360 durch den Deutschen Orden verliehen wurde, lehnt sich an Siegelmotive von 1322 an. Das Motiv im überlieferten Siegel von 1440 ähnelt einem heraldischen Seelöwen oder einem Seehund und hat nichts von einem Greifen (Flügel und Schnabel fehlen, der vorderen Gliedmaße besitzen keine Greifen-/Adlerkrallen). Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Darstellung des Motivs (beispielsweise wurde es um 1840 zu einer Seejungfrau umgestaltet[5]). Aus dem Seelöwen/-hund wurde sukzessive ein flügelloser Fischgreif.

Beispiel: Benjamin Schmolck

Das vorgebliche Wappen des bekannten deutschen Kirchenliederdichters Benjamin Schmolck (*1672 †1737) ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Darstellungen von Wappen und Wappenfiguren durch ein Drunter und Drüber von ungenauen und nicht belegten Quellen scheinbar willkürlich erfolgen. Der Ursprung der „Ungereimtheiten“ ist darin zu sehen, daß die Familie des Pastors Benjamin Schmolck mit dem Adelsgeschlecht der Herren von Schmolcke/Schmolke in Verbindung gebracht wird, obwohl es dafür keinen schlüssigen Beleg gibt. Im Gegenteil. Die Familie von Benjamin Schmolck ist als gutbürgerlich zu bezeichnen, nicht als adlig: Der Vater, Martin Schmolck (*um 1630 †1712), verheiratet mit Rosina Dehmel, Tochter des Cassirers Martin Dehmel, ist Pastor; die Söhne von Benjamin, Benjamin Gottlob und Immanuel Benjamin werden Pastor und Arzt; die älteste Tochter Eleonore Sophie heiratet Johann Gottlieb Bauer, einen Arzt. Sie stirbt genauso wie Agnes Eleonore, die jüngere Tochter noch zu Lebzeiten des Kirchenliederdichters.

Trotz fehlender Verbindungen zwischen der bürgerlichen und der adligen Familie, worauf das Adelslexikon etwas verklausuliert hinweist, ordnet der Siebmacher das Wappen der Herren von Schmolcke/Schmolke dem Pastor Benjamin Schmolck zu -- und verstrickt sich dabei in immer weitere Ungereimtheiten. Im Adelslexikon von 1837 führen die Herren von Schmolke in Silber einen goldenen Greifen mit einem Fischschweif. Die Farbgebung ist ungewöhnlich, aber die gemeine Figur ist in dieser Quelle ein (geflügelter) Fischgreif. 21 Jahre später spricht der Siebmacher dieses Wappen auch Benjamin Schmolk zu -- allerdings macht es aus dem (geflügelten) Fischgreif ein (flügelloses) „Ungeheuer mit Greifenkopf, Klauen und Fischschwanz“. 10 Jahre danach, 1868, wiederholt das Adelslexikon seine Wappenbeschreibung für das Wappen der Herren von Schmolke und stellt die Verbindung zwischen den Adligen und der bürgerlichen Familie explizit in Frage. Den Siebmacher ficht das weitere 12 Jahre später nicht an. Dort beschreibt man 1880 das Wappen der von Schmolck und macht aus dem goldenen Fischgreifen einen silbernen. Außerdem spricht man ihm im Blason Flügel zu („weißer geflügelter Greif mit aufwärtsgebogenen Fischschwanze“), die aber im Aufriß nicht dargestellt werden (statt dessen erscheint ein flügelloser Fischgreif). Damit aber nicht genug. Weitere 8 Jahre später kommt der Siebmacher auf die Idee, daß Benjamin Schmolck gar keinen flügellosen Fischgreif im Wappen führt, sondern einen „ungeflügelter Adlerrumpf mit Fischschwanz“! Das Chaos ist perfekt.

Jahr Quelle Betrifft Wappenbeschreibung Bemerkung Wappen
1837 Adelslexikon Herren von Schmolke Schild: In Silber goldener Greif mit einem Fischschweife
Helm: 3 Straußenfedern

Achtung: Augenfällig ist die „unheraldische“ Farbgebung, die man sonst exponierten Trägern wie den Vatikan vorbehält (in Silber ein goldene Figur).
Zitat: „Dem Geschlecht) soll auch (..) Benjamin Schmolke angehört haben.“
1858 Siebmacher Benjamin Schmolk Schild: Ungeheuer mit Greifenkopf, Klauen und einem Fischwanz
Helm: 3 Straußenfedern
Farben: unbekannt
Schmolk 1858.jpg
1868 Adelslexikon von Schmolcke/ Schmolke Schild: In Silber ein goldener Greif mit einem Fischschwanze Spitzenahn: Jancke von Schmolcke (1479)
Zitat: „Ob wirklich, wie mehrfach angenommen wird (..) Benjamin Schmolke (..) zu diesem Stamme gehört habe, muss dahin gestellt bleiben.“
1880 Siebmacher von Schmolck Schild: Weißer geflügelter (sic! -- Anmerkung Heraldik-Wiki) Greif mit aufwärtsgebogenen Fischschwanze
Helm: 3 Straußfedern

Achtung: Der gegebene Aufriß weicht von der Wappenbeschreibung ab! In der Wappenbeschreibung: „geflügelt“ -- im Aufriß: „ungeflügelt“.
Letzter des Geschlechts: Georg Wilhelm von Schmolck, 1752 noch genannt; um 1880 ist die Familie ausgestorben. Schmolck 1880.jpg


1888 Siebmacher Benjamin Schmolck Schild: Ungeflügelter Adlerrumpf mit Fischschwanz
Helm: 3 Straußfedern

Achtung: Nun ist es plötzlich ein „Adlerrumpf“!
Schmolck 1888.jpg

Literatur

  • Norbert Buske: Wappen, Farben und Hymnen des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Eine Erläuterung der neuen Hoheitszeichen des Landes verbunden mit einem Gang durch die Geschichte der beiden Landesteile dargestellt an der Entwicklung ihrer Wappenbilder. Mit Aufnahmen von Thomas Helms. Edition Temmen, Bremen 1993, ISBN 3-86108-202-0

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Fishgriffin – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Fischgreife in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Christian Samuel Theodor Bernd: Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft. Band 2: Die allgemeine Wappenwissenschaft in Lehre und Anwendung. Beim Verfasser und Eduard Weber, Bonn 1849, S. 214.
  2. 2,0 2,1 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie ( M. Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 102
  3. Carl Alexander von Volborth: Fabelwesen der Heraldik. in Familien- und Städtwappen. Belser AG für Verlagsgeschäfte & Co. KG, Stuttgart, Zürich 1996, ISBN 3-7630-2329-1, S. 42.
  4. Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs 50/51, 2000/2001, S. 91
  5. Erich Keyser, Peter Johanek, Heinz Stoob: Deutsches Städtebuch: 3. Pommern. Städtebuch Hinterpommern. 2003.


Fensterraute links oben ausgebrochen.png

Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Fischgreif“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 29.Mai 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.